Lisa Rienermann
Gründonnerstag
13.04.2017

Am Gründonnerstag ist es üblich, Grünes zu essen. Brunnenkresse, Grünkohl oder Scharbockskraut kommen auf den Tisch. Bei mir zu Hause ist es Tradition, dass an diesem Abend Kräutersuppe gegessen wird – mit sieben verschiedenen Kräutern, für jeden Tag der Woche eine Sorte: Kerbel, Lauch, Löwenzahn, Petersilie, Sauerampfer, Schnittlauch und Spinat. Das soll, so die Tradition, Gesundheit für das nächste Jahr bringen. In Schwaben erinnern Maultaschen, gefüllt mit grünem Gemüse, an die Ohrfeigen, die Jesus vom Hohepriester erhalten haben soll.

privat

Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler ist Autorin der "Mahlzeit"-Kolumne auf chrismon.de. Viele Jahre schrieb sie auch die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Bis 2019 war sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD. Sie war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt".

Das Grün dieses Tages und Abends hat nur zum Teil mit der Farbe des Wachstums und des Lebens zu tun. Es kommt von "greinen", dem alten Wort für weinen und trauern. Grund zum Heulen gibt es genug: Jesus, der Mann, der seine Freunde und Freundinnen mit Geist, Gesundheit und Glück beschenkt, wird von ihnen jämmerlich im Stich gelassen. Sie verschlafen die vorletzten Stunden seines Lebens. Unvorstellbar: Ein Mensch quält sich mit Todesangst, und seine Nächsten können die Augen nicht offen halten.

Ein Stärkungsmittel gegen Teilnahmslosigkeit

Tag für Tag machen Kinder und Erwachsene schreckliches Leid durch, ohne dass es eine Mehrheit der Bevölkerung sonderlich interessieren würde. Der Gottessohn allein ist ihnen in seiner Einsamkeit menschlich nahe. Wachet und betet: Das Grün, das unsereins zu sich nehmen darf, ist ein Stärkungsmittel – um nicht der Versuchung der Apathie, der Teilnahmslosigkeit, zu verfallen, sondern mit aufmerksamer Sympathie, mit "Mitleiden" zu bekämpfen, was anderen Luft und Leben nimmt.

Kolumne