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Mit Poesie ins nächste Corona-Jahr
Ich weiß ja auch nicht, was das alles soll und wie es besser ginge. Zumindest habe ich für mich eine Form gefunden, mit guten Gedanken und Gefühlen in den Tag zu gehen. Ich lasse mich nämlich, bevor ich mich an den Schreibtisch setze, von einem Gedicht inspirieren (und nicht von den aktuellen Seuchen-Statistiken). Zum Bespiel von denen, die Christian Heidrich geschrieben hat.
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
02.01.2021

Christian Heidrich ist ein katholischer Religionslehrer und Publizist, von dem ich schon viele Anregungen empfangen habe. Er hat vor Jahren ein wunderbares Buch über Schriftsteller-Konversionen geschrieben. Er ist ein unübertroffener Kenner polnischer Lyrik (die zu kennen, sich wirklich lohnt). Er schreibt regelmäßig das, was ich „unpeinliche Erbauungsliteratur“ nenne und wichtig finde. Nun hat er es gewagt, einen Band mit eigenen Gedichten zu veröffentlichen: „Hunde des Himmels“, Echter Verlag, Würzburg 2020.

Viele Tage im vergangenen Jahr habe ich mit einem seiner Gedichte begonnen. Sie sind lang, aber nicht schwer. Nachdenklich und heiter. Einfach und grüblerisch. Fromm und frech. Sie zeigen mir, was am Katholischen so besonders schön und auch schwierig ist. Aber sind es eigentlich „Gedichte“ oder nicht eher Meditationen? Ach, das ist eine akademische Frage. Es sind für mich theo-poetische Ab- und Ausschweifungen, die zum Kern der Sache mit Gott vorstoßen, indem sie einen Bogen um sie machen. Zu dieser Jahreszeit passt dieses kürzere Gedicht.

Heidelberger Epiphanien

Samstag, eisiger Januarmorgen

Fatmas Kaffee wärmt mich,

noch mehr der Duft ihrer

Worte, die RNZ empfiehlt

Udo Lindenbergs Leben,

die Jesuitenkirche schläft,

träumt wortlos auf Japanisch,

das Restaurant vis-à-vis

vom Lottogeschäft heißt

tatsächlich Hans im Glück,

der Fahrer des Lieferautos

lässt uns Starman hören,

das Schloss umnebelt,

zerbrechlich und stolz,

hat schon alles erlebt,

die studentische Aufsicht

in der Kisselgasse, die

alles noch vor sich hat,

schenkt mir ein Lächeln,

ihre gesammelten Werke,

Fleisch wird hier zu Wort,

halten den Rücken gerade,

ich studiere A Marginal Jew,

möchte ab jetzt auch demütig sein,

und überhaupt…

P.S.: „A Marginal Jew“ ist der Titel eines exegetischen Buches über die kritische Jesus-Forschung.

Kolumne