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Die Welt geht nicht unter ohne Fernreisen
Unsere Autorin Karin Lackus ist Ende April gestorben. Ihr Blog war ihr sehr wichtig. Sie wollte erzählen und mitteilen, wie es ihr als Kranke geht. In Absprache mit der Familie von Karin Lackus veröffentlichen wir hier ihre letzten Texte, die sie noch vor ihrem Tod geschrieben hat. Wir gedenken ihrer mit Trauer und großem Respekt für diesen Mut, auch über das eigene Lebensende hinaus.
18.05.2023
Die Schüler*innen waren mit ihren etwa dreizehn Jahren wohl noch etwas zu jung für die Fragestellung, die ich ihnen als Religionslehrerin zumutete.   Ich bat sie, eine Patientenverfügung zu formulieren mit allem, was dazugehört. Für einen Jungen war ganz klar: Wenn er nicht mehr Fußballspielen kann, dann brauche er nichts mehr, keine Ernährung, keine Medikamente, nichts. Ohne Fußball war sein Leben wertlos, darauf konnte und wollte er nicht verzichten. Eine Antwort, über die jeder alt gewordene Mensch vermutlich leise lächelt.

Vor kurzem fragte eine Zeitschrift ihre Leser*innen, worauf sie glaubten verzichten zu können, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Viele der abgedruckten Antworten waren erwartbar. Der Verzicht auf Flugreisen etwa. Echt jetzt? Viele Antworten waren banal. Von Menschen geschrieben, die einfach nicht wissen, was wirklich wichtig ist im Leben.   Allerdings - eine Antwort hätte noch vor kurzer Zeit meine sein können. Auf vieles Materielle könne sie verzichten, meinte eine Frau, aber nicht auf Radtouren.

Bei aller Liebe, lebensnotwendig sind Radtouren dann doch nicht.

Ich liebe Radtouren und es fällt mir unendlich schwer, wegen meiner Erkrankung darauf verzichten zu müssen. Ich trauere dieser Möglichkeit von ganzem Herzen nach. Trotzdem bin ich froh über die Operation, die mir zwar die Kondition genommen, aber ermöglicht hat zu leben.
Kranke Menschen machen ständig die Erfahrung, dass man auf viel mehr verzichten kann, als man so denkt. Man kann ohne Haare und mit krummen Narben leben, ohne Wanderungen und Ananas. Ein gutes selbstbestimmtes Leben ist möglich, auch wenn man auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen ist. Wir können auf vieles verzichten, wenn es nicht anders geht.

Auch Corona hat uns gezeigt, was wir alles nicht notwendig brauchen. Es ist möglich, dass Flughäfen nicht genutzt werden und der Himmel ruhig bleibt. Von heute auf morgen können Autos mehrheitlich in der Garage bleiben, weil es keinen Grund mehr gibt, sie für Besuche oder für Reisen zu bewegen.

Corona hat unser Leben von heute auf morgen verändert, ohne uns zu fragen, welche Veränderungen, welchen Verzicht wir uns vorstellen können. Und eine schwere Erkrankung ändert das ganze Leben ebenso radikal, brutal und ohne Vorbereitung.   Anders als in vielen Regionen des globalen Südens wirkt sich für uns hier in Mitteleuropa der Klimawandel nicht so gewalttätig aus, wir werden nicht gezwungen zu handeln. Im Blick auf den Klimawandel leisten wir uns gegenwärtig den Luxus, in Ruhe zu überlegen, was wir glauben zu brauchen und was nicht. Wie viele andere stelle ich mir aber schon die Frage, ob wir diese Zeit, erst mal zu überlegen, wirklich haben. Ich verstehe den Gedanken, durch Festklebeaktionen jetzt schon Autos in den Stau zu stellen, wenn ich davon überzeugt bin, dass Stürme, Dürre, Hunger und Hitzetode uns früher oder später dazu zwingen werden, auf Autofahrten zu verzichten und unser Warten die Situation nur schwieriger macht.   Im Zweifel können wir auf sehr vieles verzichten und trotzdem ein gutes Leben haben. Jeder ältere Mensch weiß, dass ein Leben ohne Fußball und Tanzen möglich ist. Ich lebe auch ohne Radtouren sehr gerne, auch wenn ich es wirklich bleibend traurig finde.   Die Welt geht nicht unter ohne Fernreisen, Privatautos, Kreuzfahrten und rasant wechselnde Kleidermoden – es ist vermutlich andersherum: Wenn wir an alle dem festhalten, dann vermutlich schon.
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" Kranke Menschen machen ständig die Erfahrung, dass man auf viel mehr verzichten kann, als man so denkt. "

Das stimmt wohl, doch wenn man die ständig wiederkehrende Debatte zum Thema Suizidassistenz wahrnimmt, sieht man darin deutlich den Wunsch, einem solchen Leben ein schnelles Ende zu bereiten.
Natürlich, hier handelt es sich um das Ende, in welchem das Leid oft kaum noch zu ertragen ist, aber manchmal leidet der Mensch noch nicht wirklich, weil sein Wille es nicht akzeptieren will . Junge Menschen werden heute schon sehr früh mit dieser viel zu hohen Bürde überfrachtet .
Eine Art Alibi um relativ unbelastet zum Thema Unsterblichkeit zu forschen, so scheint es mir.
Nur ist es selten so, wie man, wie Forschung , wie Politik oder der Mensch selbst, es sich wünscht, und die Folgen führen nicht zum erwünschten Ergebnis.
Intoleranz und Unverständnis sind oft das Ergebnis von Überforderung, und die Folge
sind psychische Probleme, die heute viele junge Menschen in die Psychiatrien treiben.
Die Welt ist heute voller superlativer Möglichkeiten, wer kann, wer will da schon verzichten ?

" Anders als in vielen Regionen des globalen Südens wirkt sich für uns hier in Mitteleuropa der Klimawandel nicht so gewalttätig aus, wir werden nicht gezwungen zu handeln."
Das stimmt so nicht, denn es ist vor allem eine Sache der Erkenntnis.

Deshalb auch ist der ewige Weckruf zum Frieden immer wieder notwendig.
Siehe den Papst mit seinem Aufruf zum Friedensgebet : " Gewöhnen wir uns nicht an Konflikte und Krieg! ",

" Im Blick auf den Klimawandel leisten wir uns gegenwärtig den Luxus, in Ruhe zu überlegen, was wir glauben zu brauchen und was nicht. "

Ein getrübter und getriebener Luxus durch viele Ängste hindurch und hinweg.

" Ich verstehe den Gedanken, durch Festklebeaktionen jetzt schon Autos in den Stau zu stellen, wenn ich davon überzeugt bin, dass Stürme, Dürre, Hunger und Hitzetode uns früher oder später dazu zwingen werden, auf Autofahrten zu verzichten und unser Warten die Situation nur schwieriger macht."

Spektakulär ist eine solche Aktion allemal, aber wenn dadurch Hilfeleistung durch den Stau behindert wird, dann verliert diese Aktion ihren Sinn, finde ich.
Die Welt geht nicht unter, wenn wir auf ihre Annehmlichkeiten verzichten, genau deshalb kommt es doch auf einen bewussteren Umgang mit diesen Ressourcen an. Wir Menschen werden krank, wenn wir gedankenlos konsumieren.
Der Verzicht auf einen übertriebenen Aktionismus , ein übertriebenes Sendungsbewusstsein, den Zwang zur Anpassung an immer wieder neue Bestimmungen, siehe die kommende Suizidregelung, siehe Gender, siehe freiwillige Geschlechtsbestimmung schon in sehr jungen Jahren, e.t.c.,, alles das ist ein Aktionismus, der kaum das Bewusstsein in Richtung Klimawandel verändert, als vielmehr das allgemeine zwischenmenschliche Klima bestimmt, in dem es stärker um Selbstoptimierung und Selbstbestimmung gehe, als um ein bewusstes Erkennen globaler gesellschaftlicher Herausforderungen.

Fazit : Ein gesundes Leben geht nicht ohne Phasen der Trauer und des Verlustes !

Die Nachricht vom Tod von Karin Lackus betrübt mich, und ich bin dankbar für ihre Offenheit.

Der Wahnsinn des Leben macht einen Großteil unserer menschlichen Existenz aus.
Ewiges Leben gibt es nicht ohne den Tod, aber ohne die Schönheit des Lebens wäre der Tod nicht so erschreckend !

Ich bete auch für meine kürzlich verstorbenen Eltern ! Sie fehlen mir sehr.

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