Ich habe nie gemerkt, dass ich älter wurde. Älter wurden immer nur die anderen. Doch dann passierte es, nicht plötzlich, sondern schleichend.
Es war das Ende der Sommerferien. Rückreise. Stau. Der zieht sich über viele Kilometer. Ich rufe beim Autoverleih an. "Wir verspäten uns", sage ich, "wir stehen im Stau." Als Antwort kommt jener Spruch, der aus Ungeduld Wut werden lässt: "Sie stehen nicht im Stau, Sie sind der Stau." Das soll witzig sein.
Obwohl es natürlich stimmt. Wer im Stau steckt, ist ein Teil des Staus. Er leidet unter einem Phänomen, zu dem er selbst beiträgt. Er beklagt sich über einen Zustand, den er mit verursacht. Daran muss ich seit einigen Wochen denken. Denn wie jeder Mensch werde ich älter. Jeder Tag mehr ist ein Tag weniger. Das klingt plötzlich bedrohlich, obwohl es seit der Geburt gilt.
Im Juni hatte ich das Renteneintrittsalter erreicht, wie es im Amtsdeutsch heißt. Ich hatte mich nicht intensiv darauf vorbereitet. Es gibt Tausende von Ratgebern, die den Übergang erleichtern sollen. Einen Coach hinzuziehen, ein Ehrenamt übernehmen, bloß nicht in ein Loch fallen, von wegen Sinnkrise und so. Ich ließ den neuen Lebensabschnitt auf mich zukommen. Ein bisschen Pilates, ein bisschen weiterschreiben, ein bisschen Haushalt, ein paar alte Kontakte wiederbeleben. Die Tage gingen schnell vorbei.
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