Ein Schweineleben unter Menschen ist meistens tragisch. Deine Freunde verschwinden, wenn sie quietschlebendig sind. Sie fressen pausenlos und unbekümmert, die Bäckchen werden rund und rosig, der Kammspeck dick wie Bauchspeck, glückstrahlend im Matsch und sorglos im Stroh. Dann holt ein Laster sie ab, und du siehst sie nie wieder.
So war auch ich nicht überrascht, dass die anderen Schweine furchterfüllt waren, als mich Bauer Frederic in ein separates Gehege brachte, wo ich fortan ein spezielles Mastfutter bekommen sollte. So war es dem Bauern von einem massigen Mann mit Mantel aufgetragen worden, der als Genosse Casimir angesprochen wurde. Der Bauer sagte: "Ich verstehe nicht, warum ein Schwein mehr zu fressen haben soll als wir Menschen." Der Mantelmann zischte: "Was ich nicht verstehe, Genosse Frederic, ist, dass es dir unser lieber Onkel scheinbar nicht wert ist, dieses prächtige Schwein für ihn zu mästen."
Ich fraß und fraß, es war eine besondere Aufgabe, und ich war einer der Besten darin. Manchmal fühlte ich mich einsam im Einzelgehege, und wenn der Bauer es nicht sah, schob ich meinen Freunden etwas Mastfutter ins Nebengehege.
Im Mondlicht kam einmal die schöne Mangalița-Sau Zăpadă mit ihrem wollweißen Fell, die meine Frau werden sollte, herangetrottet und sagte: "Was wird jetzt aus uns?" Das Silberlicht warf die Gatterschatten wie Gitterstäbe auf ihren schönen Rüssel. Ich sah sie nicht gut, aber ich vernahm ihren angenehmen Duft. "Was werden sie mit dir machen?", fragte sie weiter. "Was wird aus unseren Ferkelchen?"
Ich lachte grunzend auf: "Keine Sorge. Sie werden kommen, aber ihre Seelchen schweben noch im Äther. Sie gehören der Zukunft der Welt." Ich freute mich über die Schnörkel meiner Sprache, zu denen mich mein neues Leben als Prestigeschwein angespornt hatte. "Wir werden die schönsten Ferkel aller Zeiten haben, doch jetzt zählt allein mein Auftrag. Ich esse für die Geschichte, für dieses Land und seine Menschen."
"Du redest, als hieltest du dich selbst für einen dieser Menschen, die uns unterwerfen. Aber sie haben dich in Einzelhaft gesteckt, getrennt von deinen Freunden." Traurig fügte sie hinzu: "Und von mir. Wir sind Schweine, Napoleon, wir sind gesellige Tiere. Wir leben von Gemeinschaft und Zusammenhalt. Vereinzelt sind wir so verloren wie die Menschen dieses Landes. Mit dem Unterschied, dass die nicht von Menschen gegessen werden."
"Gegessen! Was redest du für einen Unsinn, meine Liebe? Niemand isst mich. Ich bin ein Zuchteber. Hast du den Dicken nicht gehört? Es gibt eine Parade für mich, das prächtigste Schwein des Landes."
Skeptisch verzog sie ihre Rüsselscheibe. "Noch kein Schwein hat die Geschichte verändert. Du belügst dich, weil sie deinen Hunger stillen in diesen mageren Zeiten. Aber an den Festbanketten der Geschichte sitzen Schweine nicht mit am Tisch. Sie liegen auf den Tellern."
"Genug."
"Der Bauer kommt keinen Tag ohne Klagen aus, dass es nichts zu essen gibt. Glaubst du, ein Schwein darf leben, während die Menschen verhungern? Sie haben deine Freunde geschlachtet, und du weißt es."
"Ich weiß allein, dass ich auserwählt wurde, um die Bedeutung der Schweine für dieses Land zu verkünden."
In den nächsten Wochen lernte ich alle Köstlichkeiten dieser Erde kennen. Es gab verrottete Karotten, ranzige Pansen, alten Reis und Mais sowie vor Edelschimmel glänzende Käse- und Brotspezialitäten. Mein Hunger wuchs mit jedem Tag. Bald waren die Felder winterweiß, die Bäume laublos, die Wolkenbäuche geschwollen mit Ruß und Regen, und täglich kam der Mantelmann und spannte mir mit dem Bauern ein gelbes Maßband um den Körper. Es kitzelte mich an der Wampe, ich schloss die Augen und machte das Maul auf. Ich muss ausgeschaut haben wie das glücklichste Schwein aller Zeiten, doch der Bauer blickte immer trüber drein.
Der Mantelmann war missgestimmt: "Er muss viel mehr fressen, Genosse, das ist nicht gut genug für unseren lieben Onkel."
"Genosse Casimir, bei allem Respekt, er frisst schon mehr, als wir entbehren können. Wir haben für uns selbst kaum genug. Die Kühe geben keine Milch, die Hühner legen Eier, so klein wie Kieselsteine. Selbst die Ratten sind so knochig, dass die Katze sie verschmäht. Könntet ihr uns nicht mit einer Sonderration aushelfen?"
Der Mantelmann sagte abwesend: "Was soll das eigentlich mit diesem dummen Namen … Napoleon?"
"Es ist nur ein literarischer Witz, Genosse Casimir."
Beim Lachen schüttelte sich erst das zweite und dann das dritte Kinn des Mantelmanns: "Literatur! Hast du unseren guten Onkel schon mal mit einem Buch gesehen? Oder seine kluge Frau? Von Literatur wird dein Bauch jedenfalls nicht voller. Wir brauchen weder Witze noch Bücher. Wir brauchen Arbeiter, und der liebe Onkel braucht diesen Eber. Gib dem Vieh mal einen anständigen sozialistischen Namen."
Jan Wilm
Der Bauer rollte das Maßband zusammen und sagte mit gesenktem Blick: "Welchen denn? Nicolae? Nicolae, das Schwein?"
Drohend hob der Mantelmann einen wurstprallen Zeigefinger: "Die Witze wollen wir dir schon austreiben, Genosse. Ich will das überhört haben, oder soll ich noch mal kurz deiner lieben Frau hallo sagen?" Der Bauer schüttelte devot den Kopf.
Jetzt deutete der Dicke mit der Fingerwurst auf mich: "Fetter und einen anderen Namen, sonst –"
Da biss ich zu. Der Finger schmeckte aber nicht nach Würstchen, sondern nach Scheiße. Nicht, dass ich prinzipiell was gegen Scheiße hätte, doch bei diesem Scheusal musste ich beinahe brechen. Der Bursche schrie und verfluchte mich und gab mir einen Tritt, worauf ich schreiend davonlief. Aus der Ferne sah ich, wie er den Bauern ausschimpfte und im Stechschritt davonging, seine Mantelenden wehten im Wind wie die Flügel eines fetten Landvogels.
Da rief mich der Bauer herbei, streichelte mich und sagte: "Fein, Napoleon." Mit kältezitternden Händen entfaltete er feierlich ein Silberpapierchen. Darin eingeschlagen war ein schneeweißes Stück Würfelzucker, das ich ihm vergnügt aus der Hand rüsselte. Doch er wirkte so erledigt, obwohl ich so glücklich war. Sahen wir einander denn, oder hatte Zăpadă recht, und wir waren füreinander blind, verkapselt in unseren Körpern, das Gegenüber bloß ein schlickiges Wasser, in dem wir weder Tiefe noch uns selbst erkannten?
Während ich glücklicher und runder wurde, schien der Bauer täglich verzweifelter und ausgemergelter. Tiefe Falten furchten den Acker seines Gesichts. Irgendwann reichte das Maßband nicht mehr um meinen Körper, und dann sagte der Mantelmann, es sei so weit.
Es war ein sonniger Wintertag, die Äcker glänzten frostig besonnt im Morgenlicht, in der Luft lag der brandige Duft von Kohle, und ich wurde in einen Laster geladen. Bevor sie die Tür schlossen, sah ich noch einmal zurück auf die flache Weite des Hofs. In der Ferne sah ich meine Liebsten eng beieinanderstehen, gemeinsam geschützt gegen die Kälte. Der Atem dampfte wattig weiß aus ihren Rüsseln. Sie sahen so klein aus wie die Zierfiguren der Bäuerin auf dem Regal beim Fernseher. Wir hatten die kleinen Porzellantierchen einmal bestaunt, als wir zusammen durch ein Loch im Zaun geschlüpft waren, um in die verbotene Welt des Hauses zu spähen.
Jetzt sahen die andern schrecklich spillerig und verloren aus, doch sie waren zusammen. Ich war bloß durchdrungen von Reue und Einsamkeit.
Was waren Nahrung und Ruhm wert, wenn der Preis nicht nur meine Schuldgefühle, sondern auch der Hunger meiner Freunde war? War aus mir schon ein Mensch geworden?
Dann schloss sich die Tür des Lasters.
Als sie wieder aufschwang, fand ich mich in einem ganz anderen Dorf wieder. Ein Dutzend verhutzelter alter Frauen – ihre Köpfe betucht, ihre Münder unbezahnt – stapelten riesige Mengen an Nahrungsmitteln auf einer langen Reihe von Tischen auf. Es war so viel zu essen da, dass die Tische sich durchbogen und noch auf dem Boden Platz gemacht werden musste, wo ein ausgerollter roter Teppich lag, vermutlich für mich.
Es gab steinbrockengroße Kartoffeln und Karotten so lang wie Ruten, tennisballrunde Zitronen und Tomaten, Orangen, Äpfel und Birnen, die plastikbunt in der Wintersonne leuchteten, als wären sie lackiert. Wasserkopfrunde Kürbisse waren aufgereiht, dazu gab es Kastenbrote so dick wie Holzklötze und Käseräder so groß wie Autoreifen. Die Hutzelfrauen stapelten pralle Jutesäcke, die beschriftet waren mit köstlich klingenden Worten: cafea, fasole, orez.
Jedoch scherte sich niemand so recht um mich. Ich wurde neben den Nahrungsmitteln aufgestellt, nicht mal auf dem roten Teppich, an einen Pflock gekettet wie ein dummer Hund. Hatte ich mich doch getäuscht in dem Bauern? Seit einiger Zeit nannte er mich nicht mehr bei meinem echten Namen und rief mich nur porc. Nun, wir nannten ihn ja auch bloß fermier, selbst wenn er unsere Sprache nicht verstand.
Dann aber schöpfte ich neue Hoffnung. Vielleicht würden mir diese herrlichen Schmausereien ja gebracht werden.
Rundherum herrschte ein geschäftiges Treiben, neue Mantelmänner mit Klemmbrettern und Funkgeräten traten auf und kommandierten die Frauen herum, die davoneilten, als hätten sie einen Bären gesehen.
Die Mantelmänner brachten nun andere Frauen heran, um die alten zu ersetzen. Menschen hätten sie gewiss als junge Schönheiten angesehen. Aus Schweinesicht waren sie entsetzlich: plastikhaftes Einheitsglänzen der Zähne, tödlich schillernde Felljacken, natternglattes Haar.
Menschenströme umringten das Büfett. Fahnen stiegen in die Höhe, und jetzt wurde eine Musikkapelle hinzugezaubert, die losblies, als mehrere schwarze Limousinen vorfuhren. Die Wolken sprangen wie Schäfchen über den Lack der Wagen. Die Menschenmasse belagerte nun die längste Limousine, als schmerbäuchige Männer aus den anderen Wagen stiegen.
Es herrschte eine erwartungsvolle Stimmung, vielleicht gab es jetzt gleich was zu essen. Die bepelzten Schönheiten legten ihre Mäntel ab. Darunter trugen sie weiße Hemden mit blau-gelb-roten Mustern, die sich wie Trittpfade die Ärmel herunterschlängelten, dazu bunte, mit Blumenkelchen bestickte Röcke, in deren Fächerfalten der Eiswind hineinspielte.
Die Menschenmasse teilte sich. Dann trat zwischen den beiden Menschenflanken ein zauseliges Männlein auf. Es trug eine ulkige schwarze Fellmütze. Es sah aus, als hätte man dem Männlein einen der Futtereimer, mit denen mir zu Hause der Trog gefüllt wurde, verkehrt herum auf den Kopf gesetzt.
Das Männlein hatte Ohren, die fast so spitz waren wie meine, und es hatte eine rübenlange Lügennase mit aufgeblähten Nüstern, wie ich sie von dem Hengst Bucefal auf dem Hof kannte, wenn er von einer Stute herunterstieg. Vielleicht hatte das schwächliche Männlein aber ebenfalls bloß Hunger und schnupperte das Essen. Das Sonderbarste an dieser Kreatur war der Mund mit gräulichen Wulstlippen, die sich beim Sprechen verzogen, als befände sich das Gesicht in einem langsamen Schmelzprozess.
Und nun wurde dieser kleine Schmelzzausel über meinen roten Teppich geführt. Bei jeder der jungen Unschönheiten blieb er stehen und begrüßte sie einzeln, wobei die Frauen vor diesem Winzling einen Knicks machten, vermutlich, um ihm in die Augen sehen zu können. Manche von ihnen wurden von dem Männlein mit einem seiner Kinderhändchen gar an der Wange gestreichelt. Wusste es nicht, dass dies Frauen und keine Haus-und-Hof-Tiere waren?
Dann wurde diesem seltsamen Wesen nach und nach das Essen vorgeführt. Es verhielt sich, als hätte es noch nie eine Kartoffel gesehen. Die Frau hier etwa, die mit den Lächelgrübchen, nahm exakt die Kartoffel aus dem Korb, die ihr zuvor von einer der Hutzelfrauen herausgedeutet worden war – sicher der schönste Erdapfel des Landes. Das Männlein begutachtete das Bodengemüse voller Begeisterung, und dann wurde ihm ein ebenfalls vorher herausgedeuteter Apfel überreicht wie eine Trophäe. Das Männlein biss rein. Der Apfel knackte so schmackhaft, dass mir der Speichel im Maul zusammenfloss, und das Männlein grinste auf eine debile Art glücklich.
So ging es weiter mit jeder Frau und jeder Speise. Alles durfte es kosten und schien überglücklich über das Füllhorn an Nahrungsmitteln. Es klopfte sich vergnügt aufs Pläuzchen, als es ein großes Stück Käse verschlungen hatte. Mir erschien es wie eine spezielle Art der Folter, dass man mich wochenlang an Essensmassen gewöhnt hatte, nur um mir jetzt zum großen Tag alles vorzuenthalten.
Schließlich stand das Männlein dicht vor mir. Es roch muffig und sah wächsern aus. Jetzt wurde ihm von einem grinsenden Glatzkopf erklärt, wer ich war: "Wie Sie sehen, Genosse Präsident, die Schweine des Dorfes sind gesund und wohlgenährt."
Wohlgenährt! Der Lügenbold! Ich wünschte, die dummen Menschen hätten unsere Sprache verstanden wie wir die ihre, dann hätte ich diesem Großkotz was erzählt.
"Ein stattliches Tier", sagte das Schmelzmännchen in einem Fistelton: "Genosse? Haben wir es hier mit einem ungewöhnlich großen Eber zu tun?"
"Aber nein, Genosse Präsident, dies ist ein ganz gewöhnliches Schwein, ein sogenannter Endstufeneber für die Zucht. Ein typisch rumänisches Schwein. Jeder Hof des Landes hat einen solchen Endstufeneber. Im Laufe des Tages werden Sie noch stattlichere Exemplare kennenlernen."
Das Schmelzmännchen war hocherfreut über meinen Umfang. Doch wie sollte ich so hocherfreulich dick bleiben, wenn sie mir nicht mal ein Fitzelchen zu fressen gaben?
Die Kapelle spielte wieder auf, das Männlein verschwand mit seiner Limousinenkolonne und hinterließ eine steinerne Stimmung. Als die Wagen außer Sichtweite waren, verstummte die Musik. Die Menschenschönheiten wurden wieder durch die Hutzelfrauen ersetzt. Grimmig luden sie die Speisen auf Laster, während die Mantelmänner sie hetzten, los, los, keine Zeit, keine Zeit. Aber warum denn?
Dann wurde auch ich wieder auf den Laster gewuchtet. Ging es jetzt zurück nach Hause? Nein, dies war erst der Anfang. Den ganzen Tag ging es so weiter. Ich wurde von einem Dorf ins nächste gekarrt, wo mich eine ähnliche Mantelmännerdelegation demselben Schmelzmännlein vorstellte, als wäre ich jedes Mal ein neues Schwein, und immerzu durfte das Männlein einige ausgesuchte Speisen kosten, bevor alles weggepackt und weiterkutschiert wurde. War das Männlein so beschränkt, dass es nicht begriff, was hier vorging?
Die Sonne schmolz hinter den Horizont, als man die Kulisse auf einem winzigen Marktplatz mit Schlaglöchern voller Tauwasser und einem dürren Kirchturm aufbaute. Mein unbändiger Hunger war mittlerweile von Heimweh begleitet. Zăpadă und mein Zuhause wirkten plötzlich fern wie ein anderes Leben und traurig wie ein vergangenes. Ich war erschrocken über mich selbst, als ich mir wünschte, ein Mensch zu sein, um weinen zu können. Wissen diese klagenden Kreaturen, wie glücklich sie sich schätzen konnten, dass sie Tränen hatten?
Mit einer Übersprunghandlung scheuerte ich mich an dem Pflock, und da bemerkte ich, wie locker er im Boden steckte. Das Schmelzmännchen knabberte gerade an einem kleinen Törtchen, das mir gehörte. Mit Ekel beobachtete ich, wie seine schleimige Zunge molchgleich aus der Scheide seines Mundes herausschlüpfte und etwas Sahne von den Lippenwülsten zuzelte. Da fiel ihm das Törtchen aus der Hand und landete in dem Taumatsch eines Schlaglochs neben dem roten Teppich.
Anstatt das Törtchen aufzuheben und aufzuessen, ging dieser unverschämte Knilch einfach weiter und bekam von der nächsten Frau einen Brokkoli vorgeführt, als wäre er ein Pokal. Ich zog und zerrte an dem Pflock, bis er aus der Erde brach, und lief zum Törtchen. Ich war frei.
Wie angestochen sprang ich auf den roten Teppich und stand nun direkt vor dem Männlein. Alles war schreckerstarrt.
Ich konnte nicht begreifen, weshalb für einen solchen Wicht dieser ganze Aufwand betrieben wurde. Warum durften denn all die anderen Anwesenden nicht auch von diesem Büfett probieren? Anders als wir Schweine fanden die Menschen immer vielfache Verwendung für die Unmenschlichkeit.
Ich hätte ihn beißen sollen, doch er wirkte so unreinlich und unappetitlich. Stattdessen rüsselte ich mir etwas von den aufgeschichteten Nahrungsmitteln heran. Ihr Geruch war stumpf und muffig, die Zitronen rochen wie nasse Tennisbälle, die Jutesäcke wie Sägespäne.
Ich fraß, so schnell ich konnte, so viel ich konnte. In meinen Augenwinkeln grinste das Männchen, verhaltenes Gelächter rollte durch die Menschenmenge. Einige Mantelmänner brachten nun Fotografen und eine Kamerafrau heran. Blitzlicht schwirrte mir um die Ohren, während das Männlein stolz neben mir posierte. Die Äpfel, die ich in mich reinschlang, schmeckten wie Wachs, die Birnen wie Karton, doch mein Hunger war eine Kreatur, die ich nicht zähmen wollte.
Die Kamerafrau trug einen wollweißen Pullover, der mich an Zăpadăs Fell erinnerte, während das Männlein unpassenderweise nicht das Maul halten konnte: "Seht nur, Genossinnen und Genossen. Staunt nur über dieses Prachtschwein. Mögen all die Kostbarkeiten unserer stolzen Nation in Ewigkeit gedeihen. Dieses Schwein – wie all die gesunden Schweine, die ich mich heute geopfert habe zu begutachten –, dieses Schwein verspricht uns eine glorreiche Zukunft, in der es Mensch und Tier an nichts mangeln wird."
Da legte das Männlein mir eine Hand in den Nacken, gönnerhaft und genüsslich, gerade so, wie es zuvor die verschiedensten Frauen betatscht hatte. Seine Hosensäume waren mit Matsch besudelt – und wegen unserer Schlammliebe wurden wir als schmutzig diffamiert von dieser verlogenen Spezies!
Ich biss in eines der Käseräder. Es war zäh, und ich schleuderte es mit dem Maul umher, um ein Stück herauszureißen. Man hörte ein Ratschen, und da schoss ein riesiger Schnee aus Gänsefedern aus dem Käserad, das nichts als ein Kopfkissen war.
Schockgeräusche schossen durch die Menge. Jetzt biss ich in ein Weißbrot und biss mir fast die Hauer aus, als ich ein Stück Holz im Maul hatte. Es schmeckte nach Lack, da es bloß bemalt war wie ein Brotlaib.
Nun machte sich leise ein spöttisches Gelächter breit, als ich das Holzstück aus dem Maul schüttelte und laut knallend gegen die lange Limousine schleuderte. Die Mantelmänner kamen auf mich zugelaufen und wollten mich von dem Lügenbüfett wegbewegen. Sie zerrten an mir, doch ich stemmte mich mit aller Kraft dagegen – bis ich irgendwann nachgab, ganz leicht. Vier oder fünf dieser fetten Kerle purzelten in die aufgeschichteten Nahrungsmittel, die sofort über den Marktplatz rollten. Die Zitronen hüpften herum wie Gummibälle, und aus einem Jutesack rieselte Sand. Wie ein Chor lachte die Menge aus vollen Hälsen.
Nur das Männlein war böse, tobte und schrie, mit den Händen wild wedelnd, die Menge solle Ruhe geben. Zornerfüllt versetzte das Männlein mir nun einen festen Tritt in den Bauch. Die Welt taumelte vor meinen Augen herum. Ich verspürte ein Drücken im Hals, als wollte etwas, das viel größer war als ich, aus mir herausplatzen. Ich gab dem Gefühl nach, würgte und spie dann einen langen, breiten Schwall Erbrochenes auf das Männlein, dessen Hose nun verkleistert war mit meiner Kotze. Die Kamerafrau hatte alles gefilmt, und die Menschenmenge lachte jetzt, als hätte sich hier die Komödie der Welt vollzogen.
Noch am selben Abend war ich wieder zu Hause. Es schien ein Silbermond über den Ställen. Meine Freunde waren so glücklich, dass ich wieder da war, und ich so froh, sie endlich wiederzusehen. Es schien, als wäre ich ein Leben lang fortgewesen, und am Abend kuschelte ich mich an Zăpadă, ihre Wolle war so samtig und besonders, dass ich wusste, nur hier gehörte ich hin, an ihre Seite, Schwein an Schwein.
In den darauffolgenden Tagen fürchtete ich, weggebracht zu werden, hatte Angst, einer der Mantelmänner könnte kommen, um mich abzuholen. Doch nichts geschah. Der Hof blieb sonderbar still, selbst zu Weihnachten. Es gab wieder weniger zu fressen, ich verlor rasch an Gewicht. Doch ich war zurück im Gemeinschaftsgatter, sodass Zăpadă und ich endlich an unsere Ferkelchen denken konnten.
Am Weihnachtstag schlüpften wir alle zusammen durch den Zaun. Wir schlichen uns in der Dunkelheit zum Bauernhaus, wo das Wohnzimmerfenster bläulich flackerte. Und dann sahen wir durchs Fenster.
Über dem Fernseher standen die Zierfigürchen und starrten uns an. Der Bauer und die Bäuerin lagen sich vor dem Fernseher in den Armen, das hatten wir noch nie zuvor gesehen. Auf dem Fernsehschirm war jetzt doch tatsächlich dieses Männlein zu sehen, auf das ich kürzlich erst gekotzt hatte. Es stand auf einem Balkon und hielt mit erhobener Faust wie ein Westentaschenherrscher eine stumme Rede. Doch diesmal sah das Männlein nicht erbost aus, sondern verunsichert. Dumpf hörten wir hinter dem Fenster, wie die Menge das Männlein ausbuhte. Nach einem Schnitt wurde gezeigt, wie es mit einem Hubschrauber davonflog. Und nach einem weiteren Schnitt war niemand Geringeres zu sehen als ich, wie ich die Essensattrappen auf das Männlein erbrach. Die Szene wurde mehrfach wiederholt, so bedeutend war sie.
Zăpadă flüsterte: "Du bist berühmt, Napoleon."
"Dieser Wicht wollte uns alles wegfressen", sagte ich. "Nicht mit mir."
Durch meine Bemühungen saß das Männlein nun zusammen mit einer ungeheuer böse und arrogant ausschauenden Frau, so wie ich mir unartige Schulkinder vorstellte, in einer Art Klassenzimmer. Danach wurden die beiden vor eine schlichte Hauswand geführt und erschossen. Dann endete der Fernsehbericht, ich nehme an, weil die beiden anschließend zum Schlachter gebracht wurden.





