Sakrale Kunst in Freising
"Den Heiligen Geist bitte ein bisschen niedriger"
Kiki Smith macht lieber, als dass sie erklärt. Die Künstlerin ist eigentlich für New Yorker Punk bekannt, doch jetzt hat sie in Freising eine Kapelle geschaffen – für die Schutzmantelmaria. Warum sie von sakraler Kunst so fasziniert ist, erklärt sie im Interview
New Yorker Künstlerin Kiki Smith gestaltet eine Kapelle in Freising
Baumaterial der neuen Kapelle auf dem Domberg sind Biberschwanzziegel einer abgetragenen Kirche
Jörg Koopmann
Gero GüntherEnno Kapitza
LHP
08.12.2023
9Min

Kiki Smith ist eine Ikone des Feminismus. Ihre Werke beschäftigen sich mit dem menschlichen Körper, dem Dasein als Frau, mit Leben und Tod – aber auch mit christlichen Motiven und Volksfrömmigkeit. Nun gestaltete die 69-jährige New Yorkerin auf Einladung des Diözesanmuseums im bayerischen Freising eine eigene Kapelle.

Die neue Arbeit der weltberühmten Künstlerin ist ein Ort der Stille und der Andacht. Auf einer Grundfläche von vier mal vier Metern und etwas über acht Meter hoch sieht "Mary’s Mantle", wie Kiki Smith ihr Werk nennt, ein bisschen wie ein überdimensionierter Nistkasten aus. Es ist, nach Berlinde De Bruyckeres "Arcangelo" und James Turrells "A Chapel for Luke" das ­dritte große zeitgenössische Kunstwerk für das Diözesanmuseum nach dessen Wiedereröffnung im Herbst 2022. Den Standort hat sich die Künstlerin vor vier Jahren selbst ausgesucht. Die Ausrichtung hin zur Altstadt, sagt sie, sei ihr dabei besonders wichtig gewesen.

Die Kapelle wurde komplett aus recycelten Dachziegeln gemauert, Biberschwanzziegeln, die aus einer abgetragenen Kirche in Oberbayern stammen.

Zwei Tauben schmücken Kiki Smith’ begehbare Raumskulptur. Die eine glänzt hoch oben auf dem Giebel. Die andere wird gerade an einem Seil im Inneren des Gebäudes hochgezogen. Die Künstlerin legt den Kopf in den Nacken. "Den Heiligen Geist noch ein bisschen niedriger", sagt sie. Die beiden Handwerker auf dem Gerüst bewegen den vergoldeten Vogel mit Strahlenkranz, die Darstellung des Heiligen Geistes, ein paar Zentimeter nach unten. "Jetzt dürfte er auf der Höhe des Mondes sein", vermutet die Künstlerin. Bläulich schimmert der Himmelskörper auf dem 2,6 Quadratmeter großen Glasfenster, das weit oben in der Kapelle Licht in das Gebäude lässt.

"Vielleicht wäre die Kapelle ohne den Heiligen Geist noch cooler", sagt die Künstlerin. "Aber ich mag Glitzer nun einmal." Sie lacht. "Für mich ist er das Bonbon der Kapelle."

Ganz schlicht ist das Gebäude trotzdem geworden. Von außen sowieso, aber auch das Innere wirkt eher minimalistisch. In einer Nische hängt ein Schwarm von silbernen Bronzesternen. In ihnen soll sich das Licht der Kerzen spiegeln, die der Besucher hier entzünden kann. Die Künstlerin liebt diesen Brauch. "Wenn ich Kirchen besuche, zünde ich immer Kerzen für meine Angehörigen an."

Daneben hängt Marias Schutzmantel ganz bescheiden an der Wand. Kiki Smith hat das symbolträchtige Tuch aus Wolle, Baumwolle und Leinen ­weben lassen. Den mit Sternen übersäten Stoff vernäht sie nun über dem Wandhaken. Zu groß ist die Gefahr, dass ein Besucher, eine Besucherin ihn sonst einfach mitnehmen könnte. Smith’ lange Finger ­arbeiten geschickt mit Nadel und Faden. Auch auf den schmalen Händen und Unterarmen der Künstlerin prangen Sterne. Verblasste Tätowierungen aus früheren Tagen. "Nicht umsonst wird Marias Mantel oft als Sternenzelt dargestellt", sagt sie, "es nimmt uns alle auf und bietet uns Schutz."

Bis zum 7. Januar 2024 gibt es im Freisinger Diözesanmuseum noch mehr Werke von Kiki Smith zu sehen. "Empathy" heißt die Ausstellung mit Werken aus den vergangenen zwei Jahrzehnten: Skulpturen aus Bronze und Aluminium, Malerei auf Glas, Zeichnungen, Kupferdrucke, Tapisserien. Und immer geht es um Wandel und Verbundenheit, um Menschen, Tiere und Pflanzen.

Kiki Smith in der fast fertigen Kapelle

Frau Smith, Sie wurden mit der Hippie­bewegung in Verbindung gebracht und dem New Yorker Punk. Sie haben mit Werken über Körper, Organe und Ausscheidungen Auf­sehen erregt. Warum nun eine Kapelle?

Kiki Smith: Ich wollte schon immer gern eine gestalten. Eine Kapelle ist eine Form, mit der man wunderbar arbeiten kann. Ich denke oft darüber nach, wie wichtig Orte der Zuflucht und der Kontemplation sind. Orte außerhalb des täglichen Lebens. Wie wichtig es ist, Räume zu haben, die Trost spenden. Geborgenheit. In denen aber auch gefeiert werden kann. Kapellen sind multifunktional.

Ist das eine neue Etappe in Ihrer Künstlerkarriere?

Ich arbeite immer noch wie früher. Nach wie vor konstruiere ich Dinge auf eine sehr rudimentäre Art. Als ich mit Anfang 20 in den späten 70ern anfing, mich mit dem menschlichen Körper zu beschäftigen, hat mir jemand "Gray’s Anatomy" geschenkt, ein Lehrbuch für Mediziner. Die Bildsprache versetzte etwas in mir in Schwingungen. Sich die Rippen anzuschauen, die Gallenblase. Ich begann darüber nachzudenken, wie viel von unserem Leben durch die Organe, die Haut und die Zellen bestimmt wird. Sie haben eine Bedeutung in ­deinem Leben, die du kaum erfassen kannst. Der Körper hat persönliche, soziale und wirtschaftliche Bedeutungsebenen. Du kannst über die Organe nachsinnen wie über ein Stunden­buch. Also habe ich Werke über Körper­flüssigkeiten und solches Zeug gemacht.

Jörg Koopmann

Kiki Smith

Kiki Smith wurde 1954 als Tochter der Opernsängerin Jane ­Lawrence und des ­Bildhauers Toni Smith in Nürnberg geboren. Wenig später zog ihre ­Familie nach New Jersey (USA). Smith studierte einige Monate an der Hartford Art School in Connecticut, bildete sich aber hauptsächlich ­autodidaktisch fort. Ende der 70er Jahre wurde sie Mitglied der Künstlergruppe Colab. Viele ihrer frühen Arbeiten wurden auf T-Shirts gedruckt. Damals begann ihre Beschäftigung mit dem menschlichen Körper, eine große Rolle in Smith’ Werk spielen weibliche Figuren aus Religion, Mythologie und Folklore. Kiki Smith arbeitet mit unter- schiedlichen Techniken und Materialien. Ihre Werke wurden in ­vielen bedeutenden ­Museen der Welt ­ausgestellt, viele stehen auch im öffentlichen Raum, in Kirchen und ­Synagogen.

Sie haben sich sogar zur Notfallsanitäterin ausbilden lassen.

Ja, aber damals habe ich bereits als Gehilfin eines Elektrikers gejobbt. Den Beruf der Sani­täterin habe ich nie praktisch ausgeübt. Ich wollte einfach wissen, wie die Organe funktionieren und wie es Menschen in traumatischen Situationen ergeht.

"Ich mag den Pomp und das Prunkvolle der Kirche"

Sie schrecken nicht vor Dingen zurück, die andere verstörend finden. Sie haben beispiels­weise geäußert, dass Sie fasziniert sind von der Reliquienverehrung und dem Ausstellen von Körperteilen.

Das ist Teil der katholischen Geschichte, unserer Kulturgeschichte – diese sterblichen Überreste aufzubewahren, denen besondere Kräfte zugeschrieben werden. Ich finde es interessant. Aber ich zerbreche mir jetzt nicht den ganzen Tag den Kopf über Reliquien. Manche Dinge sind zu bestimmten Zeiten wichtig und tauchen dann auch wieder ab.

Der Mantel am Haken, der Mond im Fenster

Fühlen Sie sich in bestimmten Lebensphasen katholischer als in anderen?

Ich wurde katholisch erzogen, ging zur Kirche, zum Katechismusunterricht. Ich mag den Pomp und das Prunkvolle der Kirche. Aber auch das Magische. Die Messe wurde damals noch auf Lateinisch gelesen, was sie für mich viel geheimnisvoller machte. Und ich mag die biblischen Geschichten und die Bildwerke, die aus ihnen entstanden sind. Im Katholizismus werden Narrative durch Körper erzählt, zu denen wir einen Bezug haben, weil wir selbst Körper haben. Es gibt schöne, tröstliche Bilder und grauenhafte. Das pralle Leben eben.

Sie mögen sakrale Kunst sehr . . .

Natürlich. Diese Werke sind herrlich. Ich ­liebe es zu sehen, wie die biblischen Geschichten umgesetzt wurden. Wie radikal das sein kann. Wenn jemand beispielsweise versucht, das menschliche Fleisch so lebensecht wie möglich zu gestalten. Oder die Detailverliebtheit der Nordeuropäer. Die Dunkelheit der Spanier. Hier in Freising haben mir besonders die Ziergitter zwischen den Seitenschiffen des Doms gefallen. Ich schaue mir auf meinen Reisen aber auch gern Industriemuseen an. Für uns Bildhauer ist es absolut großartig zu sehen, wie die Welt zusammengesetzt ist.

Sie haben oft betont, vom Mittelalter fasziniert zu sein. Warum gerade von diesem Zeitalter, das ja nicht den besten Ruf genießt?

Dass das eine dunkle Zeit gewesen sein soll, ist ein Missverständnis. Mir gefällt das mittel­alterliche Spektakel und die glitzernde Pracht. Die Heiligen, die zwischen Leben und Mythos schweben. Das Mittelalter war eine Epoche, in der die Dinge noch im Fluss waren. Und ihr habt hier in Europa ja jede Menge Überbleibsel und Bräuche, die aus alter Zeit stammen. Die bayerischen Maibäume beispielsweise.

Eine Aufgabe der mittelalterlichen Kunst war es, Menschen, die weder lesen noch schreiben konnten, die Bibel zu erzählen. Auch Ihr Werk kommt ohne schriftliche Erklärungen aus. Es wirkt ganz durch seine Aura.

Ich will mich nicht auf Sprache verlassen müssen. Mir gefällt die immer stärker werdende Abhängigkeit der Kunst von Sprache überhaupt nicht. Heutzutage werden Akademiestudenten genötigt, ihre Werke zu erklären. Ich will gar nicht wissen, was ich tue. Ich will es einfach machen und sehen, was passiert. Und dabei verlasse ich mich viel mehr auf meine Augen und meine Hände als auf das geschriebene Wort. Und es geht mir übrigens auch nicht darum, meinem Inneren oder meiner Seele Ausdruck zu verleihen. Es macht mir einfach Freude, Dinge herzustellen.

"Ich bin fasziniert von fremden Götterwelten"

In Ihrem Werk spürt man auch ein starkes Interesse für andere Kulte und Religionen. Es tauchen ägyptische Götter auf, Schamanismus spielt eine wichtige Rolle. Bleibt das Christentum trotzdem Ihre Religion?

Ich sage nicht, dass das meine Religion ist. Nur, dass ich religiös aufgewachsen bin. Der Katholizismus steckt in mir. Das bekommst du nicht mehr raus. Ich bin fasziniert von fremden Götterwelten, aber ich brauche keine anderen Kulte. Einer ist genug.

Hier sind die Dinge im Fluss, in Bewegung

Sie sind ja ein erklärter "Fan" von Maria. Sie steht im Mittelpunkt der Kapelle und taucht auch in Ihrer aktuellen Ausstellung auf.

In der Ausstellung gibt es eine Pietà. Einer der Gründe, warum die Menschen sich mit ­Maria identifizieren, ist ja die Tatsache, dass ihr Sohn stirbt und sie mit diesem Verlust um­gehen muss. Ich habe selbst gesehen, wie ­meine ­Mutter unter dem Tod meiner Schwester litt. Maria ist eine Überlebende, eine Leidende. Viele göttliche Wesen sind immun gegen das Leiden. Nicht so Maria. Sie eröffnet einen Raum für unser Mitgefühl. Ich habe Skulpturen von Maria als Kind und als Schwangere gemacht, eine Serie von Zeichnungen über ihr Leben, die dann in Glas gearbeitet ­wurden. Immer wieder habe ich den Mantel der Madonna dargestellt, den sie ausbreitet, um die Menschen in Schutz zu nehmen. Und ich ­habe über die Verkündigung gearbeitet und den Engel Gabriel. Das kennen wir ja alle: Diesen Moment, wenn wir noch zögern, ob wir etwas wirklich in unserem Leben haben wollen.

"Ich möchte nicht über die Dinge lesen, sondern sie mit seinem Körper spüren"

Es heißt, dass viele Ihrer Werke aus Träumen entstanden sind.

Ja, früher war das regelmäßig so. Aber es ist wie beim Weben. Die Themen kommen und gehen. Über manche Dinge habe ich zehn ­Jahre nicht mehr nachgedacht, und plötzlich sitze ich doch wieder an diesem Motiv.

Sie interessieren sich für die Idee des kulturellen Erbes, die Leistungen früherer Generationen. Das ist derzeit nicht sehr in Mode.

Wenn man älter wird, würdigt man mehr, was die Eltern durchgemacht haben. Man empfindet eine stärkere Verbundenheit und ein Mitgefühl für seine Ahnen. Ich habe die meisten meiner Vorfahren nicht erlebt. Aber wenn ich nach Irland reise, sehe ich meine ­Gene herumlaufen. Als Körper, als Launen, als Persönlichkeiten. Ich mag das. Mein ­Vater, der ja Bildhauer war, ließ eine Totenmaske ­seiner Mutter herstellen, nachdem sie ge­stor­ben war. Meine Schwester und ich ­machten ­eine Totenmaske meines Vaters. Und als meine ­Schwes­ter starb, fertigte ich eine Maske nach ihrem Gesicht. Dabei entdeckte ich, dass ­meine Großmutter und meine Schwester das ­gleiche Profil haben. Ich finde das schön. Die Gene, die sich durch die Zeit bewegen.

Sie arbeiten mit verschiedenen Materialien. Papier, Holz, Bronze, Glas, Wachs, Teppiche . . . Wie schaffen Sie es, sich all diese Techniken anzueignen?

Ich bin einfach gierig. Wenn ich hier aus dem Fenster sehe und diese tollen Dachziegel sehe, möchte ich gleich Dächer machen. Es gibt so vieles zu lernen. Und ich bin jemand, der nicht über die Dinge lesen, sondern sie mit seinem Körper spüren möchte.

Wir haben heute gesehen, wie Sie selbst mit Nadel und Zwirn unterwegs waren. Sie überlassen ja kaum etwas Assistenten.

Wenn du ein Brot backen willst, musst du mit eigenen Augen sehen, wie dein Teig aufgeht. Ob es funktioniert. Es geht ja auch darum, Dinge zu beweisen. Die Kunst ist ein Beweismittel. Du nimmst etwas aus deinem Inneren und versuchst, es in einer körperlichen Form zu manifestieren. Und dann schaust du, ob es etwas auslöst oder nicht. Ob du etwas zum Klingen bringst.

Infobox

Das Diözesanmuseum ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.   www.dimu-freising.de