Israel - Schweigen aus Scham
Israel - Schweigen aus Scham
Avishag Shaar-Yashuv / NYT / Redux / laif
Schweigen aus Scham
Auch orthodoxe Juden tun sich schwer, gegen sexualisierte Gewalt ­vorzugehen. Die Psychologin Shana Aaronson begleitet Betroffene in Israel.
Ruthe Zuntz
08.06.2022

chrismon: Was war Ihre erste Begegnung mit sexualisierter Gewalt?

Shana Aaronson: Eine persönliche. Als ich acht Jahre alt war, haben Klassenkameradinnen mich sexuell missbraucht. Es war sehr unangenehm, ich habe niemandem davon erzählt.

Warum nicht?

Erst nachdem ich jahrelang in diesem Bereich als Beraterin tätig war, begriff ich überhaupt, dass ich ein Opfer sexualisierter Gewalt geworden war. Die Täterinnen waren Mädchen wie ich, nicht jemand, der uns beaufsichtigen sollte. Sie ließen den Übergriff wie ein Spiel aussehen. Ich habe auch nur dieses eine Mal sexualisierte Gewalt erfahren, es hat mich nicht traumatisiert. Es mag merkwürdig klingen, aber heute hilft mir die Erfahrung, das Ausmaß des Problems besser zu verstehen.

Ruthe Zuntz

Igal Avidan

Igal Avidan, geboren 1962 in Tel Aviv, studierte englische Literatur und Informatik in Ramat Gan sowie Politikwissenschaft in Berlin. Igal Avidan lebt in Berlin und arbeitet seit vielen Jahren als freier Journalist und Deutschlandkorrespondent für verschiedene israelische Zeitungen (wie z. B. die Tageszeitung "Maariv", Tel Aviv), Hörfunksender und Nachrichtenagenturen sowie als freier Autor und Kolumnist zum Thema Nahost u. a. für die "Süddeutsche Zeitung", "NZZ", Cicero, "Frankfurter Rundschau", "Berliner Zeitung", "Tagesspiegel", "Welt" und das "Handelsblatt". Für verschiedene deutsche Organisationen wie die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsch-Israelische und Christlich-Jüdische Gesellschaft sowie für mehrere Stiftungen hält er Vorträge über Israel und den Friedensprozess im Nahen Osten. Sein neues Buch "… und es wurde Licht! Jüdisch-arabisches Zusammenleben in Israel" erschien im Mai 2023 im Berenberg-Verlag.

Unter orthodoxen Juden werden vor allem Jungen und Männer Opfer.

Es ist wie in Europa: Jedes fünfte Kind in Israel erlebt sexualisierte Gewalt, sagt der israelische Nationalrat für das Wohl des Kindes. Jedes zweite Opfer ist ein Junge. In den USA und Großbritannien sind die allermeisten Opfer Mädchen. Warum es in Israel anders ist, dafür gibt es keine wissenschaftliche Erklärung. Aber es ist bekannt, dass relativ viele Israelis – Juden wie Araber – religiös sind und in ihren Gemeinschaften Männer und Frauen weitgehend getrennt leben. Die meis­ten Täter sind Männer. Sie haben in Israel mehr Zugang zu Jungen als zu Mädchen.

"Wer ­sexualisierte Gewalt erlitten hat, gehört schnell zur Kategorie B oder C"

Warum wenden sich so wenige ortho­doxe Israelis als Opfer und Zeugen sexualisierter Gewalt an die Polizei?

Zum einen verhindert eine rabbinische Vorschrift, dass ein Jude einen anderen Juden bei den Behörden anschwärzt.

Auch wenn die Behörde jüdisch ist?

Aus ihrer Sicht ist ein Jude jemand, der die Gebote hält. Aber die israelische Polizei wird nicht von einem rabbinischen Gericht geführt, das reicht schon vielen, sie ganz abzulehnen. Außerdem sprechen manche Orthodoxe nur Jiddisch und kein Hebräisch. Und es fällt ihnen schwer, über unkeusche Themen zu sprechen. Ihnen fehlen auch die Worte dafür.

Schweigen Betroffene aus Scham?

Das ist ein kulturelles Problem. Bei der Ehevermittlung unter Orthodoxen spielt der Ruf eine große ­Rolle. Man klassifiziert einander – etwa nach dem Wohlstand der Familie, nach der Schule, die man absolviert hat, oder ob ein wichtiger Rabbiner unter den Vorfahren ist – obwohl es eigentlich unjüdisch ist, Menschen so einzustufen. Juden der "A-­Klasse" heiraten nur Juden aus derselben Klasse. Und wenn jemand aus der Familie sexualisierte Gewalt erlitten hat, gehört man schnell zur Kategorie B oder C.

"Dass sich der erfolgreiche Kinderbuchautor an Mädchen vergriff, hat mich schockiert"

Nur wenige Anzeigen führen zu ­Strafen. Scheuen Betroffene auch deshalb vor einer Anzeige zurück?

­Das mag sein. Nur jedes sechste ­Opfer wendet sich überhaupt an die Polizei, in nur fünf Prozent der Fälle kommt es zu einer Anklage und in nur zwei Prozent der Fälle werden die Täter ­ bestraft. Ich versuche, es ­anders­herum zu kommunizieren: Ohne Anzeige wird bestimmt gar nichts passieren.

2021 kam heraus: Der beliebte ortho­doxe Kinderbuchautor Chaim Walder hatte jahrelang Frauen und Mädchen sexuell belästigt und vergewaltigt. Wie haben Sie reagiert?

Das war ein Schlag gegen meine heile Kindheit. Ich bin mit Walders Büchern aufgewachsen. Dass er sich nicht immer anständig gegenüber erwachsenen Frauen verhielt, hatte ich schon gehört. Aber dass er sich an Mädchen vergriff, hat mich schockiert – wie auch die gesamte orthodoxe Community. Die rabbinische Führung reagierte hilflos. Ein 35-jähriger Religionsschüler rief unsere Notnummer an, wir hatten ein langes Gespräch, er weinte. Dabei war er selbst gar nicht betroffen. Wir hatten alle Walders ­Bücher im Regal, wir gewährten ihm Zugang zu den Herzen unserer Kinder.

Einen Monat später nahm sich Chaim Walder das Leben.

Auch da gab es etwas, was ­diesen Religions­schüler einfach nur fassungs­los machte: Rabbiner hatten ernsthaft den Frauen, die sich über Walder beschwert hatten, die Schuld an Walders Tod gegeben – und ­dabei gar nicht ­erwähnt, dass er sich das Leben genommen hat, was nach jüdischer Überzeugung verboten ist. Statt­dessen ehrten sie Walder als Gerechten.

"Walders Schriften stehen für etwas so Schlimmes, dass man sie verbrennen muss"

Andere reagierten heftig: Orthodoxe Juden verbrannten Walders Bücher.

Ich bin gegen Bücherverbrennungen. Wir Juden haben immer gelitten, wenn so etwas passierte. Juden verbrennen aber alles Gesäuerte . . .

. . . weil zum Pessachfest jedes Haus von gesäuertem Brot gereinigt wird.

So hieß auch diese Aktion: "Verbrennen des Gesäuerten". Es ist ein Akt der Reinigung. Ich war nicht dabei, aber ich nehme an: Manche fanden, diese Schriften stehen für etwas so Schlimmes, dass sie sie verbrennen mussten. Das taten sie an seinem Grab, vor seinem Büro für gefährdete Jugendliche in der orthodoxen Stadt Bnei Brak, wo Walder Abteilungsleiter war.

Ihr Verein berät Opfer sexualisierter Gewalt. Haben sich nach Bekanntwerden des Falls Walder mehr Menschen als sonst bei Ihnen gemeldet?

Etwa dreimal so viele. Normalerweise kommen monatlich ungefähr 45 neue Fälle dazu, die wir über längere Zeit betreuen. Hinzu kommen monatlich 110 Anfragen, die wir jeweils mit zwei bis drei Beratungsgesprächen klären können. Wir sind zu sechst. Aber weil sich immer mehr Menschen bei uns melden, stellen wir bis Jahresende vier bis fünf Leute mehr ein.

Der für harte Sprüche bekannte Rabbi Shmuel Eliyahu sagte: Walder komme nicht in den Himmel. Mit ­seinem Suizid habe Walder Opfer zum Schweigen bringen wollen. ­Seine Verbrechen kämen Mord gleich.

Shmuel Eliyahu ist der erste orthodoxe Israeli, der ein rabbinisches Gericht leitet und offen über sexualisierte Gewalt spricht. Vor diesem rabbinischen Gericht werden Anklagen gegen Sexualstraftäter verhandelt. Wir schicken die Opfer, die nicht zur Polizei gehen wollen und die Medien meiden, zu diesem Gericht. Es hatte auch Walder vorgeladen, er weigerte sich zu kommen.

"Die Täter werden gedeckt, die Opfer haben das Nachsehen"

Gab es auch Sexualstraftäterinnen?

Ja, etwa die Israelin Malka Leifer, die eine ultraorthodoxe ­Mädchenschule in Melbourne, Australien, leitete. Sie hatte sich an Schülerinnen vergangen. Nach einer Beschwerde wurde sie freigestellt und floh nach Israel. Zwei Jahre später zeigten Mädchen sie an, Australien forderte ihre Auslieferung. Sie kam in Israel vor Gericht, mied alle Gerichtstermine wegen an­geblicher Panikattacken, erholte sich aber immer kurz danach. Ein Psychiater attestierte, sie sei psychisch krank und nicht ­auslieferbar. Das Gericht akzeptierte das. Beim Chanukkafest konnten wir durch Privatdetektive beweisen, dass sie normal funktionierte. Es dauerte noch zwei Jahre bis zur Auslieferung. Nun steht sie in Australien vor Gericht.

Warum tat sich Israel mit der Aus­lieferung so schwer?

Sie wurde gedeckt. Zwischendurch kam heraus, dass der damalige israelische Gesundheitsminister ­Yaakov Litzman, ein orthodoxer Jude, einen Psychiater genötigt hatte, sie als geistes­krank einzustufen, um die Auslieferung zu verhindern. Im Januar 2022 einigte sich Litzmann vor Gericht auf einen Vergleich. Er kam ohne Haftstrafe und mit einem Bußgeld von umgerechnet nur 850 Euro davon. Das ist etwa so viel, wie eine Groß­familie beim Einkauf für den Schabbat ausgibt.

Die Täter werden gedeckt, die Opfer haben das Nachsehen, das kommt uns in Deutschland bekannt vor. Sie waren kürzlich in Berlin in der Katholischen Akademie zu Besuch. Es ging um Prävention gegen sexualisierte Gewalt. Können Juden und Katholiken voneinander lernen?

Im christlichen wie im jüdischen Bereich geht es um sexualisierte Gewalt in der religiösen Welt. Bestimmt können wir voneinander lernen, von den Fehlern der anderen und von ihren Erfolgen, auch von Muslimen. Wenn das auch nur in einem einzigen Fall helfen würde, wäre es das schon wert.

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