Kopftuch - "Viele haben den Kontakt zu mir abgebrochen"
Kopftuch - "Viele haben den Kontakt zu mir abgebrochen"
Dorothea Pluta
"Viele haben den Kontakt zu mir abgebrochen"
Ayla Işik hat das Kopftuch abgelegt und zahlte einen hohen Preis dafür. Hat sie die Entscheidung bereut? Ein Gespräch über Selbstbestimmung und Freiheit.
13.09.2023

Sie haben als Elfjährige begonnen, das Kopftuch zu tragen. Erinnern Sie sich an den ersten Tag? An das Gefühl von damals?

Ayla Işik: Nicht genau. Ich weiß nur noch, dass es der erste Tag in der neuen Schule war. Mir war klar, dass ich mit dem Beginn der Periode die Haare zu bedecken habe, weil ich aus einer muslimischen Familie komme, die sich nach den religiösen Geboten orientierte. Alle Frauen in meiner Familie und in unserem nahen Umfeld trugen ein Kopftuch. Daher stellte ich mir gar nicht die Frage, ob ich es möchte. Die einzige Freiheit, die ich hatte, war die Entscheidung über den "günstigen" Zeitpunkt. Und den sah ich beim Wechsel auf die weiter­führende Schule. Obwohl ich noch nicht meine erste Periode hatte, entschied ich mich, mit dem Kopftuch in die neue Schule zu gehen. Ich dachte, dass es einfacher für mich werden würde, wenn die neuen Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschüler mich als Kopftuchträgerin kennenlernen.

Wie waren die Reaktionen in Ihrem Umfeld?

In meiner Familie haben sich alle sehr gefreut. Sie waren stolz auf mich und haben mich so in meiner Ent­scheidung bestärkt. Anders als bei etlichen anderen Familien gab es für mich aber keine sogenannte Kopftuchfeier. Negatives von Mitschülerinnen und Mitschülern und Lehrkräften habe ich nicht in Erinnerung, sie waren mir gegenüber neutral, und das Kopftuch war kein großes Thema in der Schule. In der Oberschule war ich nicht die einzige Schülerin mit Kopftuch.

privat

Canan Topçu

Canan Topçu, geboren 1965, ist Journalistin und Dozentin mit Schwerpunkt auf Migration, Integration, Teilhabe und muslimisches Leben in Deutschland. Sie lebt in Hanau und arbeitet für unterschiedliche Medien. 2021 erschien ihr Buch "Nicht mein Antirassismus" im Quadriga-Verlag.

Ayla Işik

Ayla Işik, geboren 1982 in ­einer deutschen Kleinstadt, ist in ­einer gläubigen ­Familie auf­gewachsen und praktizierte den ­Islam. Mit 33 Jahren legte sie das Kopftuch ab und begann ein neues Leben. Ayla Işik ist ein ­Pseudonym, der echte Name ist der Redaktion bekannt. 2022 erschien ihr Buch "BeHauptet. Als Muslimin zwischen Sicherheit und ­Freiheit" (Kiepen­heuer & Witsch).

Nach 22 Jahren haben Sie das Kopftuch abgelegt. Was hat Sie dazu bewogen?

Es war ein schleichender Prozess. ­Lange Zeit habe ich mein Haar selbstverständlich bedeckt und wenn es ­nötig war, dieses "religiöse Gebot" auch verteidigt. Ich habe mich übrigens als Kopftuchträgerin weder ­diskriminiert noch ausgeschlossen gefühlt. Für mich war alles gut. Erst als meine Mutter anfing, für sich selbst den Sinn des Kopftuchs zu hinterfragen und es letzten Endes ablegte, begann auch ich mich intensiver damit zu beschäftigen. Die heftigen Reaktionen auf die Ent­scheidung meiner Mutter haben bei mir einen Reflexionsprozess in Gang gesetzt.

Wie haben die Menschen denn reagiert, als sich Ihre Mutter entschieden hat, das Kopftuch nicht mehr zu tragen?

Unterschiedlich. Von einem Teil der Community wurde sie verstoßen; die einen grenzten sie aus, verurteilten sie, andere bemitleideten sie. Diese Reaktionen öffneten mir die Augen für die Doppelmoral: Jene Muslime um mich herum, die sich als fromm bezeichnen, verhielten sich nicht ethisch. Für mich war das absolut untragbar und widersprach dem, was mir in meiner Kernfamilie vermittelt worden war. So hart wie die Menschen aus unserem damaligen sozialen Umfeld reagierte keiner aus meinem engen Familienkreis.

"Muslimische Communitys tun sich schwer mit ­Veränderung"

Haben Sie das Kopftuch aus Solidarität zu Ihrer Mutter und aus Trotz abgelegt?

Nein, nicht aus Trotz. Eher so: Ich habe mich gegen das Kopftuch entschieden – trotz der Pflicht, es zu tragen, trotz der vielen Hürden, die mir in den Weg gelegt wurden, trotz der Erwartungen in meinem Umfeld und trotz des psychischen Drucks, dem ich ausgesetzt war. Nachdem ich erkannt hatte, dass ich doch nicht frei in meinen Entscheidungen bin, wollte ich Selbstbestimmung. Ich wollte wirklich frei darüber entscheiden können, ob ich das Kopftuch tragen möchte oder nicht. Es gibt unterschiedliche Gründe für Musliminnen, das Kopftuch abzulegen – wenn sie denn diesen Schritt wagen: weil sie Diskriminierung vermeiden wollen; weil sie erkennen, dass es im Islam relevantere Gebote als das Kopftuchtragen gibt; weil sie sich von ihrer Religion abgewandt haben. Alle Gründe sind legitim und sollten für Muslime kein Grund sein, diese Frauen zu verurteilen. Menschen sind doch nicht statisch, wir verändern uns und ­ändern unsere Ansichten. Mus­limische Gemeinschaften tun sich aber schwer mit Veränderungen.

Und als Sie anfingen, die Haare offen zu tragen?

Ich wurde ja schon dafür gerügt, es allein in Erwägung zu ziehen, man nahm mich nicht für voll. Dann ­wurde mir vorgeworfen, mich nicht im Islam auszukennen; ich bekam den Rat, mich mehr mit meinem Glauben zu beschäftigen. Ich bekam zu ­hören, dass meine Mutter ein schlechtes Vorbild für mich sei; das Kopftuch abzulegen sei erst der Anfang, ich würde mich Schritt für Schritt vom Glauben entfernen. Viele haben den Kontakt zu mir abgebrochen, mich für ­meine Ent­scheidungen verurteilt, mich bemitleidet. Mein damaliger Mann hat mitunter das Kopftuch­tragen zur Bedingung dafür gemacht, unsere Ehe fortzuführen. Wir haben uns getrennt. Seitdem leben die Kinder bei ihm und der Stiefmutter und ich sehe sie meistens an den Wochen­enden. Der Preis für meine Freiheit und Selbstbestimmung war sehr hoch. Aber: Ich bereue die Entscheidung bis heute nicht. Zu meinen Kindern habe ich ein respektvolles und liebevolles Verhältnis, und letztlich ­wachsen sie nun mit der Möglichkeit auf, zwei ­Perspektiven kennenzu­lernen.

"Ich habe die Scham abgelegt und ein Selbstwertgefühl aufgebaut"

Wofür steht nach Ihrer Ansicht das Kopftuch?

Historisch betrachtet war es ein zweckdienliches Mittel: Muslimische Frauen sollten erkennbar sein, die Verhüllung sollte sie von Sklavinnen unter­scheiden. Im Laufe der Zeit hat es sich zu einem Symbol des reli­giösen Bekenntnisses entwickelt – und ist in vielen Kreisen zu einem Macht­instrument gemacht worden. Ich finde das problematisch, denn wenn eine Frau ihr Kopftuch ablegt, wird angenommen, dass sie sich von ihrer Religion abgewendet habe. Auch ist es sehr bedenklich, weil es Mädchen und Frauen daran hindert, ein Gefühl für den eigenen Körper und die eigene Weiblichkeit zu entwickeln. Das ist mir erst deutlich geworden, nachdem ich das Kopftuch abgelegt und somit auch meinen Bekleidungsstil ge­ändert habe. Ich hatte ja nicht nur mein Haar verhüllt, sondern auch meinen ganzen Körper mit weiten Kleidern und ­Hosen. Um nicht falsch ver­standen zu werden: Ich sage nicht, dass Frauen, die ein Kopftuch tragen, sich nicht ­ihrer Stärke bewusst sind oder kein Körpergefühl haben. Ich, die als elf­jähriges Mädchen das Kopftuch zu ­tragen begonnen hat, habe ­diese Erfahrung gemacht. Rückblickend ­würde ich sagen, dass ich mich entpuppt habe: Ich habe die anerzogene Scham abgelegt, ein Gefühl für meinen Körper entwickelt, Selbstwertgefühl und mein Selbst­bewusstsein aufgebaut.

Was würden Sie Eltern sagen, die ihre Töchter in jungen Jahren das Kopftuch tragen lassen?

Ich würde sie fragen, ob ihnen bewusst ist, wie sehr sie vor allem den Körper ihrer kleinen Tochter sexualisieren. Ich würde von ihnen wissen wollen, ob ihnen klar ist, wie sehr Mädchen schon allein durch pubertäts­bedingte körperliche Veränderungen großen Herausforderungen ausgesetzt sind. Ich würde ihnen empfehlen, das Selbstbewusstsein ihrer Töchter zu stärken und sie sich frei entfalten zu lassen.

Welche Bedeutung hat Religion für Sie persönlich?

Früher bedeutete Religion für mich Zugehörigkeit und Heimat. Meinen heutigen Glauben habe ich mir selbst erarbeitet. Es ist ein Glaube ans ­Leben, an einen Schöpfer, den ich mit Vertrauen und Liebe verbinde und nicht mit Bestrafen. Mein Glaube ist mein Vertrauen in die Selbstwirksamkeit. Und was das Gefühl von Zugehörigkeit angeht: Das habe ich in mir selbst gefunden.

Wie nehmen Sie die Debatten um das Kopftuch wahr?

Problematisch finde ich all die Akteure und Aktivistinnen, die bei jeder Gelegenheit betonen, dass das Kopftuch irrelevant sein sollte in der Wahrnehmung und bei der Bewertung von muslimischen Frauen. Sie selbst sind aber in der Regel diejenigen, die es zum Gesprächsstoff machen, unter ­anderem, indem sie betonen, welche verhüllte Frau wie erfolgreich ge­worden ist und Karriere hier und dort gemacht hat. Wenn aber das Kopftuch keine Rolle spielen soll, dann sollte es auch nicht zum Thema gemacht werden. Allerdings würden dann etliche kopftuchtragende Aktivistinnen in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Das Kopftuch ist nun mal das Sichtbare und es fällt vielen Menschen nicht leicht, es zu ignorieren. Thematisiert werden sollte es meines Erachtens durchaus, aber ohne zu generalisieren; denn keines der Narrative bildet die Wirklichkeit ab: weder die Freiwilligkeit, auf die Kopftuch-­Befürworter setzen, noch den Zwang, auf den die Kritiker abheben.

Sie haben ein Buch über Ihren Weg ­geschrieben. Welche Rück­meldungen bekommen Sie darauf?

Zu meinen Lesungen kommen vor allem autochthone Deutsche mittleren Alters, wenige als Muslime erkennbare Menschen. Von den muslimischen Communitys wird es ignoriert, was mich nicht wundert. Ich bedaure es aber, ein Dialog ­würde allen Seiten guttun. Vermutlich ignorieren sie das Buch genau deshalb, weil sie diesen ­Dialog nicht führen wollen. So ge­sehen hat mein Buch durchaus einen Nerv getroffen.

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Dieses sogenannte Kopftuch verachte ich, denn solange Männer in ihren Plunderhosen herumpilgern, haben Frauen ihrer Schönheit wegen das Recht, das Kopftuch abzulegen. Jedes Baby kommt nackt zur Welt und ein Gott hat niemals das Kopftuch bei der Geburt daneben gelegt. Das ist Männerwerk, außerstande, Weiblichkeit zu genießen.

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Sehr geehrte Damen und Herren,
wie immer, lese ich Chrismon von vorn bis hinten. Vielen Dank.
Mit besonderem Interesse habe ich den Bericht über die Kopftuchfrage gelesen. Frau Ayla Isik schildert sehr ausführlich, welche Überlegungen für und wider das Kopftuch sprechen.
Ich würde gerne mal meine Überlegung als deutsche Christin ansprechen und wundere mich, wieso diese bei den vielen jungen muslimischen Frauen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, noch nie in Betracht gezogen wurde.
Der Prophet Mohammed, der den Frauen das Kopftuch empfahl, war ein kluger und um seine Mitmenschen besorgter Mann. Er lebte im Orient, wo Wasser eher knapp war und der Sand der Wüste vom Wind verweht wurde. Da ist es ein guter und kluger Rat, dass Frauen ihr langes Haar bedecken, das Haar, das für uns Frauen ein Geschenk unseres Schöpfers ist, ob von Gott oder von Allah.
Ich bin im 21. Jahrhundert nicht der Meinung, dass mein Schöpfer mich mit Haaren ausgestattet auf die Welt geschickt hat und verlangt, dass ich die, außer vor meinem Ehemann, verstecken muss.
In Deutschland gibt es Sandstürme eher selten und ausreichend Möglichkeiten zum Duschen und Haarewaschen , also entfällt die Notwendigkeit, den Kopf dauerhaft luftdicht einzuwickeln.
Um nicht überheblich zu erscheinen. Ich bin im stockkatholischen Bayern in Klosterschulen aufgewachsen. Die Nonnen damals hatten, je nach Orden, auch nur das Gesicht unbedeckt, auch aus religiösen Gründen. Doch auch hier haben sich die Ordenstrachten aus dem Mittelalter entscheidend verändert, wurden zeitgemäß modernisiert und die wenigen noch verbliebenen Nonnen sind sicher nicht weniger gläubig und gottesfürchtig.
Mein Brief wurde jetzt länger als gedacht. Falls Sie der Meinung sind, dass ihn Frau Isik lesen möchte, bitte weiterleiten. Falls nicht, einfach in den Papierkorb.
Ich bin 84 Jahre alt und meine Welt verändert sich gerade so gravierend, dass das Kopftuch der muslimischen Frauen wirklich das kleinste Problem für mich ist.
Mit freundlichen Grüßen
Christa Krucker

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Danke für diesen Bericht. Sonst liest man doch mehr, wie intolerant die deutsche Gesellschaft gegenüber dem Kopftuch sei. Der Druck der Familie - besonders der männlichen Mitglieder - ist immens und so subtil, dass viele Mädchen glauben, dass es eine gute selbstgetroffene Entscheidung sei , ein Kopftuch zu tragen. In den Schulen sollte „neutrale“ Kleidung getragen werden. Das würde den Druck auf die Mädchen verhindern.
Elke Baum

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Christian nuns look almost identical to a religious Muslim woman. So why do we find it unremarkable that nuns cover their hair as an expression of religious belief but objectionable when Muslim women do the same ? And why is no discussion in this article about Orthodox Jewish women who cover their hair or even shave off their hair and wear a wig. Do we seriously imagine that the pressure on young orthodox Jewish women is any less than in a Muslim family ?
So why the focus exclusively on Muslims? I think we all know the real reason: prejudice against Islam.

Antwort auf von David Hawkins (nicht registriert)

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Lieber David Hawkins,

Ich finde an diesem Interview wirklich gar nichts, was islamfeindlich wäre - es ist einfach die Schilderung einer jungen muslimischen Frau über ihr ganz privates Verhältnis zu einer Kopfbedeckung/einem religiösen Symbol.

Übrigens ist die Kopfbedeckung einer Nonne nicht gleichbedeutend mit der Kopfbedeckung einer muslimischen Frau. Im ersten Fall ist das eine Person, die ihr gesamtes Leben Gott gewidmet hat. Das entspricht nicht dem, was die Kopfbedeckung einer Muslima bedeutet.

Viele Grüße, Charlotte

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Danke für diesen Bericht. Sonst liest man doch mehr, wie intolerant die deutsche Gesellschaft gegenüber dem Kopftuch sei. Der Druck der Familie - besonders der männlichen Mitglieder - ist immens und so subtil, dass viele Mädchen glauben, dass es eine gute selbstgetroffene Entscheidung sei , ein Kopftuch zu tragen. In den Schulen sollte „neutrale“ Kleidung getragen werden. Das würde den Druck auf die Mädchen verhindern.
Elke Baum

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