Libanonprojekt
Libanonprojekt
Wir spielen, tanzen, lachen, feiern die Messe
Alexander Selders arbeitet bereits zum vierten Mal in einem Camp im Libanon, wo sich behinderte Menschen erholen können.
04.01.2023

Ich halte Wissams Arme fest. Er beißt sich sonst selbst. Ich halte so lange, bis der Arzt ihm eine Beruhigungstablette reicht, die sich auf dem Zungengrund auflöst. Wissam – so nenne ich ihn hier, eigentlich heißt er anders – ist mein "Gast".

Wissam wohnt normalerweise in Deir El Salib, einem Heim in Beirut. Er wohnt im fünften Kellergeschoss. Das Haus liegt an einem Berghang oberhalb von Beirut, und die Bewohner dieses Stockwerks – ein großes Glück für sie – haben ein Fenster. Natürliches Licht fällt tagsüber in ihren großen Gruppenraum, in dem geschätzt 30 Leute leben. Es sind vielleicht drei Dutzend Schwestern, die für die 1500 Bewohner von Deir El Salib sorgen. Sie arbeiten aus Überzeugung und für einen lächerlichen Lohn. Aber sie können oft nicht anders, als Bewohner festzubinden – damit sie zum Beispiel nicht als Gruppe einen heranrollenden Essenswagen überrennen und umwerfen.

Privat

Alexander Selders

Alexander Selders, Student, war schon mehrfach mit der Gemeinschaft junger Malteser im ­Libanon: www.libanon­projekt.de.

Wissam ist blind, autistisch veranlagt, kann nicht sprechen, wendet sich von Seite zu Seite und schnauft, vergräbt sich gern unter einer großen Decke. Seine Hand spaltet sich schon unterhalb des Handgelenks, ein Geburtsfehler. Wissam beißt sich immer wieder auf die gespaltene Stelle.

Wenn wir Volontäre da sind, kommen die Bewohner auch mal raus an den Strand. Da gibt es Pizza und Pepsi, ein Highlight. Sogar die schwer körperlich Behinderten dürfen ins Meer, auf Schwimmreifen. Zwei Volontäre an beiden Seiten passen auf, dass sie nicht ins Wasser plumpsen. Leider fiel in diesem Jahr der Strandtag aus – zu viele Volontäre aus Deutschland waren krank. Magen-Darm wegen der schlechten Wasserqualität.

Nun aber bin ich mit Wissam im Center Al Fadi im Bergdorf Chabrouh, wo 24 "Gäste" mit unterschiedlich starken geistigen Behinderungen Urlaub machen. Urlaub von ihrem Heim. Ein reicher Libanese hat dieses Center vor langer Zeit im Libanon­gebirge für seinen schwerbehinderten Sohn gebaut. Später kam es in Ordenshand. Der Katholik Franziskus Heereman (er wurde später Philosophieprofessor) und Abouna (Priester) Romanos haben dann 1997 einen Urlaub­sort für die Bewohner von Deir El Salib gegründet und Volontäre aus Deutschland, später auch aus anderen europäischen Ländern angeworben.

Mein erstes Camp war 2018, ich bin in diesem Jahr das vierte Mal dabei.
Für die "Gäste" und besonders für Wissam ist der Urlaub im Center Al Fadi großartig. Wir spielen, tanzen, lachen, feiern die Messe. Es gibt Ausflüge, Talentshows, Wanderungen und gutes Essen. Einige können von lauter Musik und Tanzen nicht genug kriegen, andere freuen sich über ­Stille oder therapeutische Bäder. Wir vergleichsweise verwöhnten Deutschen lernen viel, wachsen teilweise über uns hinaus.

Organisiert und finanziert wird das Projekt vom Malteserorden. Wir Volontäre erfahren in diesem Dienst eine tiefe Spiritualität. Oft lassen sich Freunde und Bekannte in Deutschland von unseren Erzählungen fesseln und sich dafür begeistern, auch einmal mit den Maltesern in den ­Libanon zu reisen.
Inzwischen hat sich aus dem Projekt mehr entwickelt. Wenn "Gäste" aufblühen, sich weiterentwickeln, können sie in die Schule gehen und in andere Heime wechseln, in denen ­ihnen mehr Selbstständigkeit zu­getraut wird. Früher wäre so etwas undenkbar gewesen.