chrismon: Die Mutter hat Alzheimer und lebt seit ein paar Monaten in einem Heim. An Weihnachten kommt die Großfamilie zusammen, da möchte man sie dazuholen. Ist das eine gute Idee?
Georg Koik: Da habe ich meine Zweifel. Demenzkranken fällt es schwer, sich auf neue Situationen einzustellen. Die Frau findet sich jetzt plötzlich wieder an einem fremd-vertrauten Ort, mit vielen Leuten, die sie vielleicht nicht alle erkennt und zuordnen kann und die vielleicht auch etwas angespannt und hektisch sind – an Weihnachten will man ja immer alles besonders richtig machen. Sollte sie sich doch wohlfühlen, kann der Abschied hart sein, weil sie nicht versteht, warum sie nicht bleiben kann. Meiner Erfahrung nach ist der Stress für beide Seiten größer als der Nutzen.
Georg Koik
Hanna Lucassen
Was ist dann die Alternative?
Besuchen Sie sie in ihrer Einrichtung und feiern Sie dort mit ihr.
Die ganze große Familie zusammen?
Das könnte sie überfordern. Kommen Sie lieber einzeln oder in Kleingruppen, verteilt über die Feiertage. Bleiben Sie nicht zu lange. Nach einer Stunde etwa sinkt die Aufmerksamkeit. Sie braucht Ruhepausen, um die Eindrücke zu verarbeiten.
Merken Demenzkranke denn überhaupt, dass Weihnachtszeit ist?
Das ist verschieden und hängt auch vom Stadium ihrer Erkrankung ab. Aber gerade Menschen mit fortgeschrittener Krankheit sind empfänglich für Stimmungen. Kerzenlicht, Tannenduft, Weihnachtsmusik können schöne Erinnerungen wachrufen, Nähe und Geborgenheit vermitteln.
Soll man kleine Kinder mitnehmen oder ist das zu viel Trubel?
Mitnehmen, die tun doch gut! Tiere übrigens auch. Aber: Reihen Sie nicht mehrere Aktivitäten aneinander. Flötenspiel der Enkel, Spaziergang mit dem Hund, Kniffel spielen – eines pro Besuch ist genug.
Melodien sind oft tief verankert
Wie soll man den Kindern erklären, was mit der Oma los ist?
Sagen Sie: "Die Oma hat eine Krankheit, die heißt Demenz. Manches ist aus ihrem Gedächtnis rausgefallen, wie Bücher aus einem Bücherregal. Da kommt sie nicht mehr ran. Wenn wir sie besuchen, könnt Ihr mal abchecken, was sie noch weiß."
Wie das denn?
Die Enkel und Enkelinnen können sie nach ihrer Kindheit fragen: wie es früher in ihrer Schule aussah oder wie sie mit ihren Eltern Weihnachten gefeiert hat. Man kann auch Gedichte gemeinsam aufsagen oder Weihnachtslieder singen. Da sind viele alte Menschen mit demenziellen Symptomen erstaunlich sicher. Die Texte und Melodien sind oft noch tief verankert.
Was ist mit Kirchgang?
Sie können das probieren und schauen, wie es der Mutter dabei geht. Beharren Sie aber nicht darauf, bis zum Schluss zu bleiben. Wenn sie unruhig wird, dann gehen Sie mit ihr mal raus oder eben ganz nach Hause. Sie können ja auch mal zu zweit außerhalb des Gottesdienstes hingehen, die Krippe oder den Tannenbaum anschauen.
Sie arbeiten als Mediator oft mit Familien, bei denen ein Angehöriger Demenz hat. Um welche Konflikte geht es da?
Meistens sind die gesunden Familienmitglieder uneinig, wie es weitergehen soll. Zum Beispiel: Die Mutter und der eine Sohn hatten den demenzkranken Vater in einem Pflegeheim angemeldet. Der zweite Sohn wurde später informiert und ist dagegen. Oder: Eines der Kinder will das Familienvermögen für die Pflege des demenzkranken Elternteils verwenden. Das zweite Kind hat aber Angst um das Erbe.
Wie gehen Sie das an?
Es braucht mehrere Sitzungen, mindestens drei bis vier. Die dauern etwa ein bis zwei Stunden und können zur Not teilweise auch digital stattfinden. In der ersten Sitzung klären wir, was eigentlich das Thema ist und welches das Ziel ist. Oft gibt es ja viele Baustellen: Betreuung? Finanzen? Belastbarkeit des Ehepartners? In den folgenden Sitzungen arbeiten wir uns daran ab, bis wir einen Konsens finden, mit dem alle leben können. Das halten wir auch schriftlich fest.
Ist der Demenzkranke auch mit dabei?
Unbedingt, wenn er das noch kann, es geht ja um ihn und sein Leben. Wer an Demenz erkrankt, erlebt einen schmerzhaften Verlust an Selbstbestimmung. In unseren Sitzungen macht er die Erfahrung, gehört und ernst genommen zu werden. Ich als Mediator kann den Angehörigen auch helfen, ihn zu verstehen.
Mediation: je früher, desto besser
Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Mediation?
Je früher, desto besser. Bevor die Konflikte sich verhärten oder auch erst auftreten. Und solange der Betroffene noch mitmachen kann. Ideal wäre, sich zu melden, wenn jemand die Diagnose bekommt und in der Familie keiner so richtig weiß, wie man damit umgehen soll. Dann kann man in Ruhe gemeinsam klären, wohin die Reise geht.
Wie viel kostet das Ganze und wer trägt die Kosten?
Bei mir kostet eine Stunde 120 Euro. Ich arbeite hier in Frankfurt mit einem Verein zusammen, der das für seine Mitglieder bezuschusst. Manche private Krankenkassen übernehmen auch die Kosten. Aber in der Regel müssen die Familien das selbst bezahlen.
Wie viele von Ihnen gibt es in Deutschland?
Wir sind im Bundesverband Mediation e. V. acht Mediator*innen, die sich speziell mit Themen rund ums Alter und Generationenkonflikte beschäftigen. Unsere Fachrichtung "Elder Mediation" ist in Deutschland noch recht neu. Ich bin dort bislang der Einzige, der sich auf Themen der demenziellen Erkrankungen spezialisiert hat. Aber ich hoffe, das bleibe ich nicht.
Und in der Zukunft?
Das funktioniert aber nur mit Älteren, die diese Lieder und Geschichten in ihrer Jugend (kennen)gelernt haben. Bereits in wenigen Jahren wird dieser Ansatz nicht mehr greifen, wenn die die Generation alt und dement wird, die diese Sachen nicht mehr kennen, weil so ab dem Beginn der 70er Jahre Elternhäuser, aber vor allem Kindergärten, Schulen und Kirchen diese Lieder und Geschichten nicht mehr vermittelt haben, weil sie als nicht mehr zeitgemäß erachtet wurden.
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