"Untitled (Genet After Brassai)"
"Untitled (Genet After Brassai)"
Carson Zullinger Foto: David Wojnarowicz, Untitled (Genet After Brassai), 1979, Private Collection
Der Heiland als Fixer
Jesus an der Seite der Armen – so sah ihn der Künstler David Wojnarowicz, der selbst ein Junkie war.
Lukas Meyer-BlankenburgPrivat
15.01.2020

David Wojnarowicz war ein wütender Künstler. Ein Mann, der sich vor allem als Poet begriff, der seine Botschaften aber in verschiedene Medien packte – Film, Fotografie, Collage, Malerei, Skulptur. Mehr politischer Aktivist als weltabgewandter ­Dichter. David Wojnarowicz’ Kunst muss man von seinem biografischen Ende her be­trachten, um nachvollziehen zu können, 
woher diese Leidenschaft, die Verachtung und die Wut in seinen Werken kommen.

Der US-Amerikaner starb 1992 mit 37 ­Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion. Damals hieß es, der Virus suche vor allem vermeintlich sündhafte Homosexuelle heim. Ein Mittel dagegen war noch nicht gefunden. Die meisten Infizierten starben quälend langsam.

Lukas Meyer-BlankenburgPrivat

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst

Wojnarowicz’ Leben war kurz und hart, geprägt von Erfahrungen auf der Straße, wo er lange anschaffen ging und sich mit dem elend verdienten Geld Drogen kaufte. Er betrachtete 
sich als "queer" zu einer Zeit, als man das selbst in der Hauptstadt der Subkulturen, in New York, nur heimlich sein durfte. Dass er 1979 in seiner Collage "Untitled ­(Genet after Brassaï)" Jesus als Fixer mit ­Nadel im Arm darstellte, brachte ihm gehörigen ­Ärger ein. Überhaupt landete seine Kunst des Öfteren vor Gericht, wo Wojnarowicz meist glimpflich davonkam.

Man muss seine  Biographie von hinten lesen

Sein Bild hier ist wohl weniger als Lästerung zu verstehen. Der Künstler sah den Heiland an der Seite der Armen. In Wojnarowicz’ Welt waren das vor allem die obdachlosen Junkies. Den Heiligenschein darf im Bild der vielleicht erste ­Chro­nist dieser Junkie-Welt tragen: der Schriftsteller Jean Genet, eine Art französischer Wojnarowicz. Genet lebte selbst auf der Straße, war Stricher und schrieb unverblümt über Elend und Glorie dieses Lebens.

In seinen Werken setzte sich Wojnarowicz damit auseinander, wie Menschen an den Rand gedrängt, ausgegrenzt, kriminalisiert oder pathologisiert werden. Er kämpfte gegen staatliche Unterdrückung und Gängelung. Das machte seine Kunst zwar oft knallig und kraftvoll, aber nicht immer größer. Und doch erlebte sie auf dem Kunstmarkt einen Hype, kam nach und nach aus der Außenseiter­position heraus und wurde Teil des modernen 
Kanons. Dort finden sich auch Werke des Dichterfürsten Walt Whitman und solche ­einer Legende aus der rauschgetriebenen Beat Generation: William S. Burroughs.Der Autodidakt Wojnarowicz passt zu ihnen. Bis 
Anfang Februar widmet sich eine Ausstellung im Museum für moderne Kunst in Luxemburg, im Mudam, seiner Kunst.

­Ein muskelstrotzende Macho in comichafter Aufmachung

Interessanterweise hatten weniger die amerikanischen Kollegen Wojnarowicz beeinflusst als zwei Große aus Frankreich, die auch in 
diesem Werk auftauchen: der bereits genannte 
Jean Genet – und der Fotograf Brassaï, der mit seinen Schwarz-Weiß-Bildern von Paris maßgeblich beeinflusste, wie die meisten von uns auf diese Stadt schauen (selbst der Gossendampf aus dem Gully scheint da etwas sehnsüchtig Verträumtes zu haben). Brassaï nahm das Porträt von Jean Genet auf und vermutlich auch das Bild der zerstörten Kirche, die zum Lazarett umfunktioniert ist – das würde Papst Franziskus gefallen. Am Ende bekommen der widerspenstige Fixer Jesus wie auch Armut und Elend im Foto beinahe etwas Tröstliches, etwas, dem die Engel von links gerne zuflattern.

Der Einzige, der wirklich stört, ist der ­muskelstrotzende Macho, ein in seiner comic­haften Aufmachung männlicher Ideal-Ameri­kaner, der in blinder Wut alles zerschießt. 
Genet und Jesus stehen über dem Typen. In ihrer Kirche hat er trotzdem Platz.