Das Kunstwerk - Die Geburt
Das Kunstwerk - Die Geburt
Sian Davey/Save the children
Jetzt endlich: Die Geburt
Siân Davey richtet ihr Augenmerk auf die Gebärende. Der Titel ihres Werkes "Labour" ist mehrdeutig: Arbeit, Mühe, Wehen
Lukas Meyer-BlankenburgPrivat
11.12.2019

Weihnachten ist eine große Geburtstagsparty. Doch wer sich in der darstellenden Kunst umtut, muss feststellen: Bei Christi Geburt fehlt immer – die Geburt. Über die Jahrtausende ist kaum jemand auf die Idee gekommen, 
sich dem eigentlichen Akt des Auf-die-Welt-kommens zu widmen. Vielleicht, weil bei ­einer Geburt ausnahmsweise nicht der Mann im Mittelpunkt steht und man sich die Ankunft des Heilands nicht mit dem von schmerzhaften Wehen entstellten Gesicht Marias vermiesen lassen wollte. Oder man war einfach nur froh, dass wenigstens diese Geburt offenbar so vollkommen frei von Komplikationen verlief. Die Story von der unbefleckt Empfangenden hört sich auch einfach zu gut an.

Lukas Meyer-BlankenburgPrivat

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst

Während also frischgebackene Mütter Freunden und Verwandten heute lang und breit erzählen müssen, wie "es" war, hatte Maria wohl nicht viel zu berichten. Das Kind lag einfach plötzlich da.

Trotzdem erstaunlich, dass es im 21. Jahrhundert noch erstaunlich ist, wenn sich Künstlerinnen und Künstler mit dem Akt der Geburt auseinandersetzen. Die Jahr­hunderte christlich geprägter Bildsprache haben offenbar bis heute gewisse Motiv­lücken hinterlassen. Eine Künstlerin, die sich des Themas annimmt – ohne dass es ihr auch nur entfernt um Religion geht – ist die britische Fotografin Siân Davey. In ­ihrem Bild "Labour" von 2018, das übersetzt so viel wie Arbeit, Mühe oder Wehen bedeutet, zeigt sie keine moderne Maria. Sie begleitete einfach eine 37-jährige Spätge­bärende, die lange kinderlos blieb.

Krippen­szene im Kreißsaal

Nun mag man einwenden: Auch dies sei ein klassisch biblisches Motiv. Sara, Mutter des Erzvaters Isaak, Hanna, Mutter des Propheten Samuel, Marias Cousine Elisabeth, 
Mutter Johannes des Täufers – sie alle wurden lange nicht schwanger. Die hier ab­ge
lichtete Ellen hatte es jedenfalls mehrere 
Jahre versucht, inklusive zweier Fehlgebur­ten, ehe es mit dem Mutterwerden klappte.
Davey begleitete Ellen während ihrer Schwangerschaft, der Geburt ihres Kindes und den ersten Wochen danach und dokumentierte mit der Kamera, was mit einer Frau in dieser Zeit geschieht. In diesem Bild schafft Davey eine Art moderne Krippen­szene im Kreißsaal, stellt aber nicht das Baby, sondern die gebärende Frau in den Mittelpunkt: Mit ihrem Partner zusammen blickt der Betrachter auf die konzentrierte Ellen. Die Lampe oben links sorgt für das nötige Spotlight.

Ellen liegt nicht darnieder, wie es von Gebärenden gerne heißt, sondern sie sitzt aufrecht, fast stolz in der Badewanne. Die wiederum versperrt den Blick auf große Teile ihres Körpers und öffnet damit Raum für die Vorstellung davon, was es bedeutet, 
ein Kind auf die Welt zu bringen. Und trotzdem: Eine gewisse Distanz, fast schon Kälte, bleibt. Wirklich gemütlich ist die Kreißsaal-Krippe nicht, kein warmer Kerzen-
schein, kein golden-flauschiges Stroh.

Prekäre Verhältnisse

Davey hat vor ihrer Zeit als Kunst­fotografin jahrelang als Psychotherapeutin gearbeitet. Sie weiß, was Menschen umtreibt. In ihrer Arbeit porträtiert sie das ganz gewöhnliche Familienleben. Dort beobachtet sie nach eigener Aussage eine besondere Nähe und Liebe der Menschen zueinander. Diese Nähe stehe in Kontrast dazu, wie Menschen wohnen und arbeiten 
– selbst viele aus der sogenannten gesellschaftlichen Mitte, nämlich prekär: mit ­hohen Lebenshaltungskosten, Druck bei der Arbeit. Nicht selten müssen beide im Job bleiben, um die Familie zu ernähren.

Auch in diesem Sinne taugt das Bild als Weihnachtsmotiv. Prekäre Verhältnisse darf man Marias Familie durchaus attestieren. Selbst, wenn es das Jesuskind noch recht gemütlich hatte, die Welt da draußen war nicht gerade nett zu ihm. Was die Künstlerin darüber hinaus aber ­liefert, ist ein feministischer Denkanstoß für das zweitwichtigste Fest der Christenheit: Was, wenn ausnahmsweise mal nicht das ­Geburtstagskind im Mittelpunkt stünde, sondern seine Mutter?