chrismon: Ihre bekannteste Schrift ist die "Theologie der Hoffnung" von 1964. Sie wurde international beachtet. Wie hat sich Ihre Theologie seither verändert?
Jürgen Moltmann: Als ich die "Theologie der Hoffnung" schrieb, hatte ich noch keine Ahnung von ökologischen Problemen. Erst Anfang der 1970er Jahre habe ich mich damit beschäftigt und würde deshalb sagen, dass meine Theologie insgesamt grüner geworden ist. In der modernen Welt ist die Natur nur Material, Energie und Ressource, doch das ist die Erde nicht, die Erde lebt und leidet. Deshalb brauchen wir eine grüne Reformation.
Jürgen Moltmann
Judith Kubitscheck
Was bedeutet das?
Wir sollten das biblische Doppelgebot der Liebe erweitern. Es sollte heißen: Liebe Gott, deinen Nächsten und diese Erde wie dich selbst. In meiner Jugend in Norddeutschland gab es das biblische Sabbatjahr: Alle sieben Jahre blieben die Felder unbestellt, und wir Kinder spielten auf den brachliegenden Äckern. Inzwischen ist die Landwirtschaft industrialisiert und das Land mit Kunstdünger zu laufender Fruchtbarkeit verdammt. Doch so wie ein Professor alle sieben Jahre ein Sabbatjahr bekommt, so wünsche ich mir auch, dass die Erde nach sieben Jahren Bearbeitung in Ruhe gelassen wird. Blickt man in die biblische Schöpfungsgeschichte nach Genesis 1, ist die sogenannte Krone der Schöpfung nicht der Mensch, sondern der Sabbat, mit dem Gott alle Geschöpfe und nicht nur den Menschen segnet.
In Ihrem neuen Buch "Christliche Erneuerungen in schwierigen Zeiten" kritisieren Sie ein Phänomen, das Sie Dialoginflation nennen. Was meinen Sie damit?
Wir leben in einer Post-Wahrheitsära. Das zeigen auch die Fake News und die Talkshows, in denen es nicht um ein Ringen um Wahrheit geht, sondern darum, möglichst viel Redezeit zu bekommen. Viele meiner jüngeren Kollegen führen mit allen Dialog, um die Gemeinschaft zu fördern, aber nicht die Wahrheit. Doch warum geht nicht Wahrheit und Gemeinschaft zusammen?
Scheuen die Theologen heute den Konflikt?
Ja, die Theologen sind friedlich geworden. Offenbar haben die jüngeren Theologen die Konflikte der Älteren, zu denen ich gehöre, wahrgenommen und wollen diese nicht. Ich erinnere mich noch an den Streit um die feministische Theologie und Bultmanns Entmythologisierung . . .
Für Rudolf Bultmann waren viele Wunder in der Bibel wie etwa die Jungfrauengeburt Mythen. Er versuchte, sie neu zu interpretieren. Konservative Theologen hielten am traditionellen Verständnis fest.
Das sind heute keine Themen mehr. Aber Streit kann produktiv sein, wenn er sich in gesitteten Bahnen abspielt und sich nicht in Beleidigungen äußert. Wie damals bei den Barthianern in Basel und den Bultmannianern in Marburg. Sie stritten heftig miteinander und respektierten einander trotzdem.
Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis
Was kommt denn von den akademischen Debatten bei den Pfarrerinnen und Pfarrern an der Basis noch an?
Die Theologie hat sich von der Praxis losgelöst, sie ist zu wissenschaftlich geworden. Die jungen Dozenten und Dozentinnen an der Universität möchten meist dort Karriere machen und waren oft selbst nicht in einer Kirchengemeinde tätig. Dabei wäre Gemeindeerfahrung für die Dozenten wünschenswert. Denn die Studenten und Studentinnen, die in ihren Seminaren und Hörsälen sitzen, wollen meistens Pfarrer oder Pfarrerin werden und eben nicht promoviert werden. Und sie müssen auf die Praxis in der Gemeinde vorbereitet werden.
Sie wünschen sich seit Jahrzehnten weitere Schritte der katholischen und evangelischen Kirche aufeinander zu. Wie können die konkret aussehen?
Wesentlich wird die Frage des gemeinsamen Abendmahls bleiben. Dass geschiedene Katholiken oder Protestanten nicht an der Eucharistie teilnehmen dürfen, halte ich für einen Fehler. Mein Vorschlag ist, erst einmal gemeinsam an einem Tisch zusammenzukommen, das Abendmahl zu feiern und dann anschließend über die Theorie des Abendmahls zu reden. Wie hat Bert Brecht gesagt: Erst kommt das Essen, dann die Moral. Und dann könnte sich zeigen, dass es gar keine Hindernisse mehr gibt, auch in Zukunft gemeinsam Brot und Wein zu teilen.
Die Opfer sind nicht im Blick
Sie prangern auch die Fälle von sexuellem Missbrauch in den Kirchen an und beklagen, dass die Opfer zu wenig im Blick sind. Aber stimmt das? Es gibt doch Entschädigungen für Betroffene und Runde Tische, bei denen die Opfer zu Wort kommen.
Das ist vielleicht jetzt der Fall. Doch ich habe bereits vor 20 Jahren auf die Opfer hingewiesen, und keiner hat das aufgenommen. Die Menschen, die Missbrauch in den Kirchen erlitten haben, haben aus Scham lange geschwiegen. Wir sind in der Gnadenlehre der christlichen Kirchen und der Rechtfertigungslehre der reformatorischen Kirchen zu täterorientiert: Die Sünder sollen Buße tun und gerechtfertigt werden, und die Opfer der Sünde sind nicht im Blick. Die feministische Theologie und die Befreiungstheologie haben da einen anderen Blick. Sie gingen immer von den Opfern aus. Mein Freund, der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, war hier ein gutes Vorbild. Er hat in Südafrika als Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission die politisch motivierten Verbrechen während der Zeit der Apartheid untersucht. Theologisch müssen beide Perspektiven vereinigt werden. Denn es muss beides geben: die Befreiung der Unterdrückten, Missbrauchten und Marginalisierten ebenso wie die Befreiung der Unterdrücker, Herren und Mächtigen.
Eine Befreiung der anderen Art ist für Sie, wenn potenzielle islamistische Attentäter von ihrer todbringenden Ideologie abgebracht werden. Wie kann das gelingen?
Terrorismus entsteht in den Köpfen, deshalb muss die Möglichkeit der Theologie genutzt und die Ideologie mit Argumenten bekämpft werden. Terrorismus ist die Liebe zum Tod. Zum eigenen Tod und zum Tod der Feinde. In Nigeria versuchen christliche Pastoren gemeinsam mit Imamen, anfällige Jugendliche zu überzeugen, ihr Leben nicht wegzuwerfen und eine Liebe zum Leben in ihnen zu erwecken.
Reduktion des Menschen
Heutzutage gibt es keinen kämpferischen Atheismus mehr, sagen Sie, sondern dieser ist einem "Banalitätsatheismus" gewichen. Was meinen Sie damit?
Mein Großvater war noch ein kämpferischer Atheist. Im 19. Jahrhundert haben Marx und Feuerbach gesagt, dass Gott nicht existiert, weil es so viel Leid auf dieser Welt gibt. Heutzutage interessieren sich viele Menschen für Gott schlichtweg nicht mehr. Sie haben eine naturalistische Sicht und sind mit einem Leben zufrieden, das mit dem Tod aufhört. Doch es ist eine Reduktion des Menschen, wenn man den Lebenssinn ausklammert.
Sie waren viele Jahre in der Tübinger Jakobuskirche zu Hause. Was ist das Besondere an dieser Kirchengemeinde, und worin könnte sie für andere Gemeinden ein Vorbild sein?
Die sonntäglichen Gottesdienste sind dort immer gut besucht. Das Geheimnis der vollen Kirche besteht darin, dass etwa 20 verschiedene Hauskreise regelmäßig den Gottesdienst mitgestalten und ihn vorbereiten. Aus einer Betreuungskirche wurde eine Beteiligungsgemeinde. Dieser Beteiligungscharakter kann auch für andere Gemeinden ein gutes Modell sein.
Jeder sollte predigen dürfen
Ihrer Meinung nach kann ein Pfarrer nicht alles abdecken und muss das auch nicht. Sollten mehr Laien auf die Kanzel – auch angesichts des Pfarrermangels?
Jeder, der dafür begabt ist, sollte predigen dürfen. Es gibt nicht den Pfarrer und seine ehrenamtlichen Mitarbeiter, diese Unterscheidung gefällt mir nicht, sondern es gibt nur die aktive Gemeinde, die ihre Mitarbeiter wählt und auch ihre Predigerinnen und Prediger beauftragt. Übrigens ist ein Laie wörtlich ein Mitglied des Gottesvolkes, insofern ist der Papst auch ein Laie.
Am Ende Ihres neuen Buches schreiben Sie: "Das feste Land der Wirklichkeit ist immer umgeben von einem Ozean der Wirklichkeiten. Die verwirklichten Möglichkeiten sind nur ein kleiner Teil der möglichen Wirklichkeiten. Wer auf Gott hofft, rechnet auch mit den Möglichkeiten Gottes. Also ist eine andere Welt möglich." Wie würde eine solche andere Welt aussehen?
Die Welt würde abenteuerlicher werden. Der Mensch muss seine Möglichkeiten ergreifen und die negativen Möglichkeiten abwehren. Der Realist, der nur mit der Wirklichkeit rechnet, kommt immer zu spät. Viele Menschen in Deutschland blicken mit einer negativen Haltung in die Zukunft. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat mit seinem Bericht des Club of Rome unter dem Titel "Wir sind dran" gezeigt, dass man optimistisch in die Zukunft blicken kann. Er malt die ökologische Krise nicht schwarz, sondern zeigt Wege auf, wie sie gelöst werden kann. Diesen Blick, der die Möglichkeiten betont, anstatt die Wirklichkeit schwarz zu malen, brauchen wir dringend.
Jürgen Moltmann: "Theologie der Hoffnung"
Angeregt durch Ernst Blochs philosophisches Werk "Prinzip Hoffnung" formulierte Moltmann 1964 eine "Theologie der Hoffnung". Er forderte ein gesellschaftsveränderndes Christentum – und traf damit den Nerv der Zeit. Konrad Adenauer hatte 1957 noch mit dem Slogan "Keine Experimente" die Wahl gewonnen. Doch im Zweiten Vatikanischen Konzil, in der Bürgerrechtsbewegung in den USA und im tschechoslowakischen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zeigte sich die Aufbruchstimmung der 60er Jahre. Bis heute zählt Jürgen Moltmann weltweit zu
den meistgelesenen deutschen Theologen. 2010 beschrieb er
in seiner "Ethik der Hoffnung", was "im Angesicht der Gefahren mit dem Mut der Hoffnung heute und morgen zu tun ist".