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Singen im Hochsicherheitsgefängnis
Tobias Brandner arbeitet als Seelsorger in einem Hochsicherheitsgefängnis auf Hong-kong. Er spricht und singt mit Männern, die mehr als ein Jahrzehnt hinter Gittern verbringen müssen.
10.08.2014

###autor###In Stanley, einem ruhigen Oberschicht-Wohnort an der Südseite der Insel Hongkong, liegt ein riesiges Hoch- sicherheitsgefängnis. 1300 Straftäter sitzen hier lange Haftstrafen ab. Ich bin einen Tag pro ­Woche als Seelsorger da, gehe durch die Abteilungen, spreche mit den Insassen, mal im Vorbeigehen, mal lang und intensiv, je nachdem, was jemand braucht.

Die meisten Insassen sind Chinesen, ein knappes Fünftel stammt aus dem Ausland: Afrika, Lateinamerika, Südasien. Letztere schätzen es, wenn ich sie bei meinem Rundgang zu einer kurzen Gesprächsrunde zusammenrufe. Ich lasse sie erzählen von dem, was ihnen gerade wichtig ist. Dann sprechen wir ein Gebet.
 

Die Traurigkeit lugt hinter jedem Satz hervor

In einer Abteilung kommen an diesem Morgen ein ­Filipino, ein Kenianer und drei Nigerianer zusammen. Alle sitzen wegen Drogentransportes ein. Wie die meisten  Afrikaner kamen die beiden Nigerianer von Bangkok und hatten die Drogen in Kondomen geschluckt. Als wir einmal über die Beweggründe sprachen, gestanden sie, es nicht aus wirklicher Not getan zu haben, sondern eher aus Leichtsinn: um einen momentanen finanziellen Engpass zu überbrücken oder schlicht, weil es relativ einfach verdientes Geld schien. Für den Transport von Bangkok nach Hongkong erhält ein Kurier 5000 US-Dollar pro Kilo­gramm. Einige schaffen es, bis zu zwei Kilogramm im Magen zu transportieren. Und jetzt sitzen sie für zehn oder mehr Jahre im Gefängnis.

Über unserer Zusammenkunft liegt eine Mischung aus Traurigkeit und Heiterkeit. Die Traurigkeit legt sich wie ein düsterer Schatten über das ganze Gespräch und lugt hinter jedem Satz hervor. Und die Heiterkeit – sie ist wie eine Waffe, mit der die Männer die sich ständig vordrängende Traurigkeit zurückschlagen.

Zum Abschluss halten wir uns alle an den Händen, einer der Afrikaner stimmt ein Lied an, in das alle einfallen. Der gemeinsame Gesang gibt der Traurigkeit, die maßlos zu werden droht, Form und Grenze. Und beim anschließenden Gebet – so erzählen mir die Männer oft – erleben die Einge- schlossenen die Freiheit, die Glauben und Spiritualität vermitteln können.