"Irgendwie sind wir alle Enten"
Der Illustrator und Kinderbuchautor Wolf Erlbruch stellt in seinen Bilderbüchern die großen Fragen der Menschheit: Woher kommen wir? Warum sind wir da? Wohin gehen wir? Und er malt Geschichten über Gott. Obwohl er gar nicht an ihn glaubt.
07.10.2010

chrismon: In Ihrem Kinderbuch "Ente, Tod und Tulpe" besucht der Tod eine Ente. Warum ausgerechnet eine Ente?

Wolf Erlbruch: Es ist leichter, sich mit einer Ente zu identifizieren als mit einer bestimmten Person. Denn bei der müsste ich mich festlegen: Soll sie männlich oder weiblich sein? Bauer oder Edelmann? Ente ist neutraler. Gewissermaßen sind wir ja alle auch irgendwie Enten.

Der Tod hat bei Ihnen kein Entengesicht.

Den habe ich bewusst ganz traditionell ins Bild gesetzt.

Mit Hohlschädel und Kittelkleidchen.

Ja, er ist doch ein netter Geselle. Aber an der Realität kommt man nicht vorbei.

Sie begegnen dem Tod mit Humor?

Wenn es irgend geht. Das weiß man natürlich nicht. Die Ente schläft ja ganz friedlich ein, hat nicht Krebs, muss keine Chemotherapie machen und leiden. Ich glaube, man muss sich damit abfinden, dass man sterben muss, ohne so schrecklich daran zu leiden. Sterben ist natürlich. Das Leiden und die Angst davor haben ja die ganz irrige Vorstellung vom Himmel hervorgebracht: Da ist dann alles gut und schön, von da an ist man gut. Unter ewigem Leben verstehe ich Folgendes: Solange der Erdball Leben beherbergen kann, wird es Leben geben. Wir müssen mit dieser Erde gut umgehen und uns vertragen und Einsichten gewinnen.

Und uns angesichts des Todes auch die Schönheit des Lebens bewusstmachen?

Ja, das Beste aus diesem Erdenleben machen. Nicht nur auf uns selbst bezogen, sondern auch im Hinblick auf die anderen Menschen. Nicht nur schauen, dass wir selbst so viel Erfolg wie möglich haben und ein scheinbar gesichertes Leben leben. Sicher ist ja gar nichts. Auch auf den Kopf eines kerngesunden Superreichen kann ein Dachziegel fallen.

Was, glauben Sie, passiert nach Ihrem Tod?

Alles geht weiter, nur ich bin weg. Ich vermodere. Selbst wenn ich mich verbrennen lasse, komme ich auch irgendwie wieder ins ewige Leben hinein - und wenn ich Dünger für das Gras bin. Das Leben geht weiter, eben nur nicht mein persönliches. Aber das finde ich völlig in Ordnung.

"Ente, Tod und Tulpe" ist eines der wenigen Kinderbücher, in denen nicht gesagt wird, was nach dem Tod geschieht. Soll man Kindern das zumuten?

Für mich ist die Vorstellung vom Himmel vollkommen unzumutbar. Wir sagen unseren Kindern, dein Kaninchen oder Meerschweinchen kommt in den Himmel. Im Grunde halte ich diese Art von Beruhigung für völlig unnötig. Der Himmel oder die Hölle sind auf Erden, ganz, wie wir wollen oder können. Erstaunlicherweise habe ich noch nie so viel positive Post auf ein Buch bekommen wie auf dieses. Offensichtlich wird damit in Hospizen gearbeitet, in der Kinderpsychiatrie, in der Schule.

Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht weil nichts erzählt wird, von dem man nichts wissen kann. Wir wissen ja nichts Wesentliches. Darin liegt auch eine gewisse Befreiung. Vielleicht beruhigt es die Leute zu lesen, dass es da noch jemanden gibt, der auch nichts weiß.

Warum gibt es so viele freie Flächen in Ihren Büchern?

Freie Flächen sind ja immer Flächen, auf die man seine eigenen Fantasien projizieren kann. Überfrachtete Bilder, auf denen alles zu sehen ist, schwächen oft die eigentliche Handlung. Ich versuche dazu anzuleiten, etwas genauer zu gucken, sich bei einem einfachen Bild aufzuhalten. Wenn man sich mit Eindrücken zuschütten lässt, muss man gar nicht mehr nachdenken, dann kommt immer schon das Nächste. Wenn man gezwungen wird, sich mit einfachen Dingen aufzuhalten, muss man sich im Kopf bewegen.

Der Mensch ist ein kleiner Meckerer, der mit sich selbst Schwierigkeiten hat

"Am Anfang" erzählt die Schöpfungsgeschichte. Ihre Gottesfigur ist ein heiterer, in sich ruhender Typ mit Bart, Bauch, großen Händen und ironischem Heiligenschein. Stellen Sie sich ihn so vor?

Ich stelle mir außerhalb von uns keinen Gott vor. Ich glaube nicht an eine Macht von außen. Das Bild, das wir uns von einer über uns stehenden Moral gemacht haben, ist aus der Entwicklung der Menschheit im sozialen Miteinander entstanden. Im Laufe der Zeit, auch mit der Entwicklung des Hirns, hat man gemerkt, dass bestimmte Handlungsweisen schädlich für die Gemeinschaft sind und man verträglich miteinander umgehen muss, damit alles funktioniert. Ich halte es eher mit den Mystikern, die Gott oder diese bestimmte Form der Ermahnung in sich selbst suchen.

Wie können Sie Gott darstellen, wenn Sie nicht an ihn glauben?

Ich bin Illustrator und habe den Text von Bart Moeyaert bebildert, weil er mir so gut gefallen hat. Deshalb muss ich aber nicht an einen Gott glauben, der irgendwo auf einer Wolke sitzt. Ich habe mir einfach viele Gottesdarstellungen angesehen. Schließlich war mir ein Schöpfergott am sympathischsten, der Freude an der eigenen Möglichkeit hat. Im Buch lässt er sich die Heringe aus den Fingern gleiten und ins Meer springen, eine Ziege wächst ihm aus den Fingern, er schafft Tiere und Pflanzen - und dabei lächelt er.

Ist nur ein sympathischer Gott darstellenswert?

Wer lässt sich schon gern von jemand Unsympathischem ermahnen?

Der Mensch ist ein schmächtiger Typ mit Hut. Wie sind Sie darauf gekommen?

Durch dieses banale Hütchen unterscheidet er sich von Gott. Er ist der Mann von der Straße, ansonsten ganz nackt. Er gefiel mir als dieser kleine, nicht besonders erfolgreiche, auch nicht sehr glückliche Typ: So ein kleiner Meckerer, der mit sich selbst Schwierigkeiten hat.

Gott spielt den entgegengesetzten Part.

Ja, er ist der leichte Teil. Der einfache Dinge mit großer Selbstverständlichkeit tut zum Beispiel auch einen Kreis um den Menschen zieht, damit dieser nicht so verloren ist.

Ist Gott für Sie vielleicht die positive Kraft im Menschen?

Ich glaube, jeder weiß tief im Innern, wenn er gut oder schlecht handelt, warum muss dieses Innere einen anderen Namen haben als den des jeweiligen Besitzers?

Ihr Schöpfergott hat Freude an seiner Schöpfung - ein Gegenbild dazu, wie Menschen mit der Natur umgehen?

Ja, aber auch wie Menschen miteinander umgehen. Sie verlieren sich in allem, was ihnen von den Konsumartikelherstellern angeboten wird, und glauben, sie könnten über die Dinge, mit denen sie umgehen und die sie anhäufen, ihre Identität finden. Oder in virtuellen Welten. Unglaublich viele Leute fallen darauf rein. Sie begreifen gar nicht, dass ein Baum ein unglaubliches Wunder ist, dass die Alpen eine Sache sind, mit der sie sich überhaupt nie vergleichen können. Stattdessen springen sie in irgendwelche digitalisierten Alpen, die sie selbst gemacht haben, finden diese vielleicht sogar wesentlich interessanter, weil noch irgendwelche Drachen oder Monster darin herumtoben.

Was geht dabei verloren?

Alles. Dabei geht es wirklich um alles oder nichts. Wenn sich die Menschen weiterhin so darauf einlassen, wird das Zusammenleben nicht mehr funktionieren: Das Mitgefühl geht verloren, ist schon verloren gegangen. Und der Dialog geht verloren. Erwachsene reden nicht mehr mit ihren Kindern, und untereinander bleiben sie auch sehr banal, sprechen nicht über Dinge, die sie wirklich bewegen, sondern über äußerliche Dinge.

Macht es wirklich so einen großen Unterschied, ob ein Kind ein Bilderbuch von Wolf Erlbruch anschaut oder ein Computerspiel spielt?

Der Unterschied liegt doch auf der Hand. Bei Computerspielen sitzt man vor dem Bildschirm, ist meist völlig allein, kommunikationslos. Man kann aus sich selbst heraustreten, ist aber nicht bei sich. Ideal ist, wenn ein Kind ein Buch zusammen mit seinen Eltern ansieht. Ich verlange von einem Kinderbuch, dass es nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern anspricht. Wenn die Dinge darin nicht banal und infantil sind, sondern ein bisschen komplizierter, müssen Kinder Fragen stellen. Und wenn die Eltern dadurch angeregt sind, geben sie ihren Kindern dann auch Antworten.

Sind Sie ein Moralist?

Manche halten mich dafür und haben vielleicht sogar irgendwie recht. Aber ich bin nicht nachtragend.

Man muss sich immer mal wieder klarmachen, dass man ein Zwerg ist und nicht etwa Gottes Ebenbild

In "Die große Frage" spielen sie auf die Sinnfrage an, stellen sie aber an keiner Stelle. Warum nicht?

Sie ergibt sich aus den Antworten.

Da sagt etwa eine Mutter: "Du bist da, weil ich dich liebhabe", und der Vogel sagt: "Um dein Lied zu singen, bist du da." Der marschierende Soldat sagt: "Um zu gehorchen, bist du auf der Welt." Warum auch ein Soldat?

Daran kann man sich reiben. Es gibt schließlich auch Eltern, die unbedingten Gehorsam von ihren Kindern verlangen. Und der Soldat ist die gesteigerte Version davon, ein armes Geschöpf, das gehorchen und von sich selbst völlig absehen muss.

Machen Sie es sich da nicht zu einfach?

Keinesfalls. Militärischer Drill ist nichts anderes als eine Gehirnwäsche, um das Individuum auszulöschen, so dass es bereit wird, etwas so aberwitzig Grausames zu tun, wie in den Krieg zu ziehen.

Wie reagieren Kinder darauf, dass der Soldat nur dafür da ist zu kämpfen?

Aus einer Grundschule habe ich einen Stapel Briefe bekommen, in dem Kinder erläutern, was ihre Lieblingsantwort ist. Der Soldat war nie dabei. Dafür aber die kleine Schwester, die sagt, dass man da ist, um sich selbst liebzuhaben.

Auch in diesem Buch gibt es eine Ente. Sie sieht ziemlich verwirrt aus und gibt als Antwort auf die Sinnfrage: "Ich habe überhaupt keine Ahnung."

Ja, einer musste diese Antwort geben. Hier ist es die Ente. Ich finde Enten einfach nett.

Müssen Ente, Mensch und Pflanze überhaupt einen Daseinszweck haben?

Nein, aus meiner Sicht reicht es schon, wenn man das Sichwundern nicht verliert, wenn man sich immer mal wieder klarmacht, dass man ein Zwerg ist und nicht etwa Gottes Ebenbild.

Aber Sie geben allen einen Zweck.

Das kann man, muss man aber nicht. Zum Teil sind die Antworten ja sehr skurril.

Warum ist Wolf Erlbruch da?

Ich glaube wirklich, dass man da ist, um zu lernen, gut miteinander umzugehen. So offen wie möglich zu sein, auch so ernsthaft wie möglich. Aber ohne dabei den Humor zu verlieren. Und um alles möglichst ausgiebig anzugucken. Aber dafür sind auch alle anderen da. Nur, ich kann wirklich über Stunden etwas Unspektakuläres angucken, zum Beispiel eine Stuhllehne. Je länger ich sie angucke, umso mehr erzählt sie mir über sich. Wenn ich das meinen Studenten erzähle, schauen mich manche an, als wäre ich nicht ganz dicht. Aber ich war schon immer so.

 

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