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Zwei junge Menschen, umgeben von dröhnenden Beats, tanzenden Feiernden – doch für sie scheint die Zeit stillzustehen. Fast zeitgleich bestellen sie ein Wasser. Beide haben gerade ihre mündliche Abiturprüfung in Physik mit Bestnoten bestanden. Selbst ihre Namen ähneln sich: Er heißt Faris (Eren M. Güvercin), sie Farasha (Mariam Dawoud).
Seltsam befangen, wie in Trance scheint ihr Gespräch, wie aus einem Mund ihre Worte. Eine Verbindung ist spürbar, doch sie wird jäh unterbrochen. Als Faris Farasha und ihre betrunkene Freundin Una (Carlotta von Falkenhayn) mit seinem Freund Max (Gabriel-Winner Amorin) nach Hause fährt, wird er in einen Unfall verwickelt. Farasha stirbt. Es ist der Ausgangspunkt von Fatih Akins betörend schönem, melancholischem Liebesdrama "Geister".
Wenig vorher hatte Farasha noch mit ihren vier jüngeren Schwestern und ihrer Mutter am Grab des Vaters gestanden. Nach der Flucht aus Syrien war er vor wenigen Jahren überraschend gestorben. Noch am Grab warnt die Mutter Farasha, sie solle nicht zurückblicken, sonst weinten einem die Geister nach. Dass sie den Geist ihres Vaters nur wenig später bei ihrer eigenen Beerdigung treffen wird, ahnt sie da nicht. Er sagt ihr, dass sie 40 Nächte Zeit hat, um einem geliebten Menschen im Traum zu begegnen, danach verschwänden die Toten im Nebel der Erinnerungen.
Fortan taucht Farasha in Faris’ Träumen auf, sie lernen sich kennen, erzählen sich von ihren Träumen, Wünschen und ihren bisherigen Leben. Sie schmieden Pläne. Irgendwann sagt Faris zu seinem Freund Max: "Wenn mich jemand fragen würde, ob ich eine Freundin habe, würde ich Ja sagen. Eine Fernbeziehung, weil sie tot ist."
Doch je näher sie einander kommen, desto schlechter geht es Faris: Er weiß, dass ihre gemeinsame Zeit abläuft. Er will selbst nicht mehr leben, um ihr nahe zu sein. Immer wieder zeigt der Film Faris allein oder mit Farasha in Tunneln, Hofeingängen, U-Bahnhöfen, in den Alsterarkaden, als wandelten sie zwischen den Welten. Surreal wirken diese Bilder oft, die die großartige Kamera von Frank Griebe ("Babylon Berlin") einfängt.
Mal ist es der Hamburger Fernsehturm, in dem die jungen Leute ihr Abi gefeiert haben und der zum zentralen Ort für Faris wird, mal der menschenleere Rathausvorplatz mit seinen geometrischen Bodenmustern, mal ein ausgestorbener Busbahnhof oder verödete Hafenareale. Einmal mehr hat Fatih Akin mit seinem Film seiner Heimatstadt Hamburg ein visuelles Denkmal gesetzt – ohne jeglichen Touristenkitsch.
Wie weit darf Liebe gehen?
Auch sonst vermeidet Akin, der zuletzt mit "Amrum", der Verfilmung der Kindheit seines filmischen Ziehvaters Hark Bohm, für Furore sorgte, allzu viel Pathos. Er konzentriert sich ganz auf seine beiden Hauptfiguren, die in ein existenzielles Dilemma geraten.
Wie weit darf und kann die Liebe gehen, ohne andere allein zu lassen? Griebes Kamera, Andrew Birds Schnitt und die Malakoff Kowalskis eindringliche Musik lassen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Akins Geschichte und die Inszenierung erinnern dabei immer wieder an Hitchcocks "Vertigo" und Wim Wenders’ "Der Himmel über Berlin".
Wirklich grandios ist auch die Besetzung. Mariam Dawoud, eine seit vielen Jahren in Österreich lebende Syrerin, hatte zuvor keinerlei Schauspielerfahrung. Dennoch verkörpert sie Farasha mit großer Kraft und einem Gespür für deren emotionale und kulturelle Komplexität. Farasha ist eine gläubige Muslimin, die als Einzige in ihrer Familie Kopftuch trägt und doch modern, selbstständig und unabhängig ist.
Und Eren M. Güvercin, aktuell unter anderem in der Serie "Euphorie" zu sehen, verleiht seinem Faris eine schmerzhafte Zerbrechlichkeit. Die sinnliche wie intellektuelle Verbundenheit dieses Paars wird unmittelbar spürbar: Dawoud bleibt strahlend und tapfer, während Güvercin den körperlichen und seelischen Verfall seines Faris zeigt.
Deutschland 2026. Regie: Fatih Akin. Buch: Fatih Akin, Ruth Toma. Mit: Eren M. Güvercin, Mariam Dawoud, Lama Alhalabi, Carlotta von Falkenhayn, Gabriel-Winner Amorin. Länge: 105 Min. FSK: ab 12.
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