Klosterleben
Sind Nonnen die neuen Feministinnen?
Die Popkultur feiert das Kloster als Ort der Emanzipation. Eine Ordensschwester erklärt, warum das Klosterleben aktuell vielen so attraktiv erscheint
Dutzende Menschen betrachten am 20. Oktober 2025 auf der Plaza de Callao das Cover von Rosalías neuem Album "Lux" in Madrid, Spanien
Die spanische Sängerin Rosalía inszenierte sich für ihr Album "Lux" als Nonne
Carlos Luján/Imago
Lino WimmerLisa Bittner
Aktualisiert am 03.09.2026
6Min

chrismon: Das Klosterleben ist plötzlich angesagt in der Popkultur. Rosalía, die Popkünstlerin der Stunde, zeigt sich auf dem Cover ihres Albums "Lux" als Novizin, mit weißem Schleier und ins Haar geblichenem Heiligenschein. Kennen Sie das Album?

Schwester Nicole Grochowina: Ich habe reingehört.

Und?

Es ist nicht meine Musik.

Rosalía ließ sich für das Album inspirieren vom Leben der Hildegard von Bingen und Teresa von Ávila. Und von feministischer Literatur.

Mir war beim Hören schnell klar: Das Klosterleben ist eine Projektionsfläche, vor allem für die Befreiung von Frauen. Das Album steckt voller theologischer Gedanken. Aber Rosalía kann noch so viel Teresa von Ávila und Hildegard von Bingen gelesen haben, das Album atmet auch eine Menge Unkenntnis über das wirkliche Leben in Ordensgemeinschaften. Macht aber nichts, denn der Griff in die Vergangenheit erzählt zuerst etwas über die Person, die ihn macht.

undefinedMichael McKee

Nicole Grochoniwa

Nicole Grochowina ist evangelische Ordensschwester, im Jahr 2008 trat sie der Communität Christusbruderschaft Selbitz bei. Sie arbeitet als Geschichtsprofessorin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg, zuvor auch als Gleichstellungsbeauftragte. Grochowina ist Ratsmitglied der EKD.

Für welche Sehnsüchte steht die klösterliche Welt denn in unserer Gesellschaft?

In meiner Ordensgemeinschaft, der Communität Christusbruderschaft Selbitz, bin ich für Frauen zuständig, die für eine gewisse Zeit bei uns leben wollen. Sie suchen nach einer Beheimatung, die ihnen Resilienz bietet in der heutigen Welt. Seien es Glaubensfragen, der Wunsch, einen Konflikt in der eigenen Biografie aufzuarbeiten, endlich zu Lösungen zu kommen. Oder, so banal das auch klingt, sie treibt eine Sehnsucht nach Klarheit, nach klaren Strukturen an.

Und sind sie dann enttäuscht, wenn sie das wirkliche Leben im Kloster kennenlernen?

Es melden sich mehr und mehr Frauen, die hoffen, das Kloster ganz und gar aufgeräumt wieder zu verlassen. Aber wir vollbringen keine Wunder, stellen nur einen Raum bereit. Das ist hier auch keine heile Welt. Wer dauerhaft im Kloster lebt, auch im Rhythmus der drei Gebetszeiten und der gemeinsamen Essenszeiten, weiß das natürlich. Ich meine, wir leben hier mit gut sechzig Frauen in einem Haus, die sich sonst im Leben wohl nie begegnet wären.

Dann sitze ich beim Essen zum Beispiel neben einer Schwester, die wenig mit dem anfangen kann, was ich beruflich als Uni-Dozentin mache, und die meine akademische Art zu Sprechen vielleicht sogar nervt. Verglichen mit den meisten Familien, haben wir ein Vielfaches der kommunikativen Herausforderungen. Aber als große Gemeinschaft sind wir eben auch schwer zu bremsen, wenn wir gemeinsam ein Ziel verfolgen.

Rosalía ist längst kein Einzelfall: Lily Allens "West End Girl", Florentina Holzingers Oper "Sancta" oder die Geschichte der Nonnen von Goldenstein, die sich gegen ihren Propst auflehnen. Alles Ereignisse, die enorme Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, und alle haben einen feministischen Dreh. Warum eignet sich das Klosterleben offenbar so gut, um von weiblicher Emanzipation zu erzählen?

Im Katholizismus stehen Klöster tatsächlich für weibliche Handlungsspielräume: Frauen konnten dort lange eine Bildung erlangen, die ihnen außerhalb der Klostermauern verwehrt geblieben wäre. Und das wussten die Frauen. Als um 1525 die Reformation in Nürnberg eingeführt wurde, standen bei den Klarissinnen plötzlich die Eltern vor der Tür. Sie wollten ihre Töchter zurückholen.

Aber die weigerten sich, wollten sich diesen Ort nicht nehmen lassen, an dem sie als Frauen Bildung genießen können. Das ist für mich ein geradezu revolutionärer Akt. Auch heute können Ordensfrauen mehr Verantwortung übernehmen als anderswo in der katholischen Kirche, weil sie etwa leitende Posten bekleiden.

Wären Sie auch einem katholischen Kloster beigetreten?

Dafür liebe ich zu sehr die Freiheit eines Christenmenschen. Katholisches Ordensleben bleibt letztlich abhängig von Priestern, Spiritualen, Bischöfen und damit von Männern. Einige Lutheraner werfen uns evangelischen Ordensschwestern allerdings auch vor, die Ehe sei die einzig wahre Lebensform. Martin Luther habe die Klöster aufgelöst, habe selbst als ehemaliger Klosterbruder die frühere Nonne Katharina von Bora geheiratet.

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Sie waren schon mit Mitte 30 habilitiert. Als Ihr Professor Ihnen eine Vertretungsprofessur anbot, sagten Sie: Nein, danke, ich gehe ins Kloster! Erinnern Sie sich an seine Reaktion?

Ich glaube, mein Chef dachte, dass ich verrückt sei. Aber es war die absolut richtige Entscheidung. Ich stand damals kurz vor einem Burn-out. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich wollte nicht ins Kloster, um ein Burn-out abzuwenden.

Das bringt mich auf eine Werbung, die damals im Fernsehen lief, kennen Sie die? Ein unzufriedener Mann, ein Kloster, irgendwo in der Wüste. Kurt Cobain besingt eine verlorene Liebe. Der Mann klopft an die Klosterpforte, aber findet dann einen Mars-Riegel in seiner Jackentasche, nimmt einen offenbar sehr erfüllenden Bissen – und kehrt um.

So war es bei mir natürlich nicht: Nachdem ich mein Leben sortiert hatte, zog mich die klösterliche Lebensform an. Bei meiner Entscheidung bin ich geblieben. Damals habe ich nicht damit gerechnet, jemals wieder in der Wissenschaft zu arbeiten.

Es kam anders, heute lehren Sie an der Universität Geschichte - und tragen Ordenstracht. Wie reagieren Ihre Studierenden darauf?

Wenn ich am Semesteranfang ins Seminar komme, steht manchmal die Hälfte auf und will wieder gehen. Die denken, sie seien im falschen Seminarraum gelandet. Es gibt durchaus Menschen, die uns Schwestern für total weltfremd halten. Das ist vermutlich bei den Studierenden auch so.

Einmal habe ich die Reformation mit dem "Herrn der Ringe" erklärt. Das hat die Studierenden überrascht. Nicht weil sie sich fragten, was die Reformation mit Tolkien zu tun hat, sondern weil sie sich gewundert haben, dass ich das kannte. Übrigens appellieren einige Studierende an meine Barmherzigkeit, wenn ich die Hausarbeiten benote. Aber das hilft nichts.

"Keuschheit, also Ehelosigkeit, heißt, dass ich Kraft habe für andere Menschen"

Schwester Nicole Grochowina

Ist Ihre Ordensgemeinschaft ein guter Ort für Frauen?

Ja. Auch weil evangelische Ordensschwestern sich hier keine Sorgen um Geschlechterhierarchien machen müssen. Bei meiner Arbeit an Universitäten und auch in der Kirche sehe ich ja: Vordergründig entscheidet allein die Qualifikation über den Status. Aber Frauen stoßen dann doch immer wieder an die berühmte gläserne Decke. Und müssen sich am patriarchalen Auftreten von Kollegen abarbeiten, bis hin zu Männern, die den berühmten Stift auf den Boden fallen lassen, in der Hoffnung, dass Frauen sich danach bücken. All das fällt in einer Frauengemeinschaft weg. Und ich glaube, dass die Frauen, die bei uns leben, das zunehmend als erholsam empfinden.

Armut, Keuschheit, Gehorsam, daran sollen sich Ordensleute halten. Wie passt das zu weiblicher Emanzipation?

Evangelische Gemeinschaften sind ja nicht an Bischöfe und Kirchenrecht gebunden. Gehorsam heißt für mich also, dass ich in meinem Leben voll und ganz auf Gott höre. Keuschheit, also Ehelosigkeit, heißt, dass ich Kraft habe für andere Menschen. Ich bin nicht an eine Zweierbeziehung gebunden, sondern habe mehr Freiraum. Und Armut? Ich mache mir Gedanken, wie mein Lebensstil auf die Welt wirkt. "Lebe so, dass es die Armen nicht beschämt", heißt es in unserer Regel.

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Wer heute noch in ein Kloster eintritt, wählt eher eine kontemplative Gemeinschaft als einen Orden, der etwa durch Pflege oder Bildung in die Gesellschaft hineinwirkt. Steckt dahinter das Gefühl: Ändern kann ich ja eh nichts, also kümmere ich mich halt um mich selbst, das ist einfacher?

Ich halte das Leben in einer kontemplativen und damit zurückgezogenen, auf das Gebet konzentrierten Gemeinschaft für sehr anspruchsvoll. Das sage ich mit großem Respekt, denn meine Berufung ist es nicht. Möglicherweise spielt da heute auch die Sehnsucht hinein, sich aus der Welt, in der wir leben, auszuschließen.

Das alles wird vor dem Eintritt aber glücklicherweise geprüft, denn wer mit der Haltung "Ich kann an mir arbeiten, aber aus der Politik bin ich raus" ins Ordensleben will, bringt eine gewisse Instabilität mit. Gemeinsames Leben braucht aber stabile Menschen. Deshalb klärt sich dann im gemeinschaftlichen Leben auch meist, wovor Menschen weglaufen und wonach sie eigentlich suchen.

Aber es gibt auch noch eine andere Gruppe: Menschen, die vor der komplexen Welt davonlaufen und ihre Überforderung mit geistlicher Berufung verwechseln. Das aber wird auf Dauer nicht glücklich machen.

Ärgert es Sie eigentlich, dass Ihre Kommunität "Christusbruderschaft" heißt, und nicht Christusschwesternschaft?

Nein. Es geht nicht um uns, sondern um Christus. Und er ist eben unser Bruder, und wir seine Schwestern.

Gibt es denn auch Männer in Ihrer Gemeinschaft?

Heute sind wir 2 Brüder – und 92 Schwestern. Vor einiger Zeit haben wir beschlossen, keine Brüder mehr aufzunehmen, weil dann der Altersunterschied zwischen den Brüdern und den neu Hinzukommenden so groß gewesen wäre. Wir verweisen dann immer auf die anderen evangelischen Brüdergemeinschaften.

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