20.12.2010
17. Sonntag nach Trinitatis
Es kam vor Jesus, dass sie ihn (den vormals Blinden) ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn? Er antwortete und sprach: Herr, wer ist's? dass ich an ihn glaube. Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's. Er aber sprach: Herr, ich glaube, und er betete ihn an. Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden. Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: Sind wir denn auch blind? Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.
Johannes 9,35-41

Ein Wort, das selbstgerechten Moralaposteln Stoff geben kann. Die einen könnten sich fix als die wahren Blinden bezeichnen und sich so in ihrer Demut von niemandem übertreffen lassen. Manchmal auch mit Gruppenzwang: "Sind wir nicht alle...?" Schrecklich, wenn putzmunter Zuhörende als die eigentlich Behinderten beschrieben werden ­ ein wenn auch unabsichtlicher Zynismus gegenüber denen, die unter tatsächlichen körperlichen Einschränkungen leiden. Die anderen lassen sich erst gar nicht auf Selbstreflexion ein ­ sie wissen sowieso immer alles besser. Oder sie führen ein gepflegtes Doppelleben ­ nach außen einwandfrei, inwendig höchst diskutabel. Amüsante Anekdote dazu: "Pharisäer" heißt nach einer friesischen Geschichte Kaffee mit einem Schlagsahnehäubchen, unter dem sich eine ordentliche Portion Rum versteckt ­ damit niemand den Alkoholgenuss bemerkt.

Wer sich fälschlich-fromm als blind ausgibt oder sich clever und wendig auf einen moralischen Slalom begibt, grenzt immer andere aus. Nachdenklichkeit über sich selbst verhindert vermutlich schon das Abgleiten in ein bewusstloses Sündersein, das von keinerlei Erkenntnis der eigenen Tiefen und Höhen getrübt ist. Herr, ich glaube - ­ das ist "simul iustus et peccator", als Sünder und zugleich getrost gerechtfertigt zu leben.