Literatur
Erinnerungen an Leben voller Schmerz
Bettina Flitner ergründet das Leben ihrer Mutter. Colombe Schneck das ihrer Gastfamilie. Wie sehr kann Erinnerung trügen?
Gunter Glücklich
09.02.2026
1Min

Bettina Flitner: Meine Mutter. Kiepenheuer & Witsch. 320 Seiten, 24 Euro.

Vor vier Jahren hatte die Fotografin Bettina Flitner großen Erfolg, als sie nach dem Suizid ihrer Schwester deren Leben nachzeichnete. Bei einer Lesereise mit diesem Buch kam sie nach Celle, wo ihr mit einem Schlag die Beerdigung ihrer Mutter vor Augen tritt. Diese hatte sich 1984 ebenfalls das Leben genommen. Sie beginnt eine neuerliche Recherche, reist nach Niederschlesien, wo ihre Mutter geboren wurde und ihre Vorfahren ein nobles Sanatoriumshotel aufgebaut hatten. Flitner versucht, das Leben ihrer suizidgefährdeten Familie zu verstehen, und zeichnet das bewegende Porträt ihrer Mutter, einer Frau zwischen extremen Gefühlen.

Colombe Schneck: Lügen im Paradies. Übers.: Claudia Steinitz. Rowohlt. 160 Seiten, 24 Euro.

Auch die Französin Colombe Schneck blickt zurück in ihre Vergangenheit. Als junges Mädchen verbrachte sie zwei Monate in den Waadtländer Alpen bei zupackenden Gasteltern, die ganz anders als ihre Pariser Familie waren. Doch aus ihrem Plan, darüber einen heiteren "Schweizroman" zu schreiben, wird nichts, als sie erfährt, dass die leiblichen Kinder ihrer Gasteltern wenig Liebe erfuhren und im Leben nicht zurechtkamen. Eindringlich macht Schneck deutlich, wie stark Verdrängung sein kann und wie im Nachhinein scheinbar ungetrübte Erinnerungen korrigiert werden müssen.

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