Ich komme um 18 Uhr erschöpft nach Hause, freue mich auf den Feierabend, es war der erste Arbeitstag nach einem beglückenden Wanderurlaub. Selten habe ich mich so stark und fit gefühlt. Den Schlüssel und meine Einkäufe in der Hand, sehe ich meine offen stehende Wohnungstür. Ich blicke auf einen völlig zerbrochenen Türrahmen. Schock. Dann schreien aus mir bislang unbekannte Töne. Drinnen offenbart sich ein Chaos von offenen Schränken, umgestürzten Schubladen, einem durchwühlten Bett.
Dem Himmel sei Dank, dass ich an dieser Stelle meines Lebens nicht allein bin: Ein Freund, der etwas bei mir abholen wollte, ist bei mir, und im Gegensatz zu mir ist er zwar auch wie vom Blitz getroffen, aber doch noch Herr seiner Sinne. "Nichts anfassen, ich ruf die Polizei!"
Zitternd am ganzen Leib, tief erschüttert, kann ich es nicht fassen. Seit über 30 Jahren lebe ich hier in Frieden. Die Tür wurde vor zehn Jahren vorsichtshalber einbruchsicher gemacht, sechs Bolzen und Metallbeschläge auf allen Seiten sollten genügen. Diese Sicherung war der Grund, warum der ganze Rahmen jetzt völlig aus der Fassung gerissen ist. Wie ich.
Man denkt immer: mich wird es nicht treffen. Schon gar nicht, wenn die Tür so gut gesichert ist. Und doch geschehen viel mehr Wohnungseinbrüche als man denkt. In einer Infografik der "Zeit" von Anfang November 2025 geht es um Lebensrisiken. In der Kategorie "Opfer werden" steht: "Rund drei von zehn Menschen erleben, dass bei ihnen zu Hause eingebrochen wird."
Wir warten im Treppenhaus auf die Polizei. Die ersten Beamten sind schnell da, und es sollen noch einige mehr werden an diesem Abend. Alles, was man aus dem Krimi kennt, von Kripo bis KTU, der Tatortreiniger aus dem Fernsehen kommt leider nicht, wenngleich der Mann von der Spurensicherung nicht ohne Humor ist.
Gegen 22 Uhr verlässt er als letzter Beamter meine verwundete und über den Haufen geworfene Behausung. Die weiße Wohnungstür ist voller Graphit, intensiv die Stelle um den Türspion, angeblich lauschen Einbrecher hier, ob jemand in der Wohnung ist. Hier könnte es also DNA-Spuren von Ohren geben.
Ich bin in all dem Chaos sehr froh, nicht allein zu sein. Wir begehen vorsichtig den Tatort. Offenbar waren sie – keine Ahnung, um wie viele Bösewichter es sich handelte, und wenn ich an Täter denke, denke ich tatsächlich immer an männliche, meistens an zwei – nicht in meiner Küche und nicht im Badezimmer, sonst überall.
Das größte Durcheinander ist in meinem Schlafzimmer, wo in vielen Schubladen die Überreste meiner Vergangenheiten schlummern. Fotos, Liebesbriefe, Dokumente, alte Testamente von längst verstorbenen Verwandten, eine Schublade Vater, eine Schublade Mutter, Postkarten aus aller Herren Länder, die ich meinen Eltern irgendwann einmal geschickt und die meine Mutter verwahrt hatte, mehrere Schubladen kleinteilige Sächelchen, Notizen, Nettigkeiten, Zeugnisse von Vergangenheiten. Dazwischen mein Bimbo, mein Kinderteddy, ein Fernglas und ein nagelneues, noch original verpacktes Handy.
Meine Wohnung ist ein Sammlerinnenhaushalt und besteht aus Artefakten eines spannenden Lebens und Nachlässen von Menschen, die irgendwie mit meinem Leben zu tun hatten. In meinem Schlafzimmer steht eine hölzerne Truhe, die mit meiner Mutter 1947 aus dem Sudetenland ins Schwabenland vertrieben wurde. Diese Truhe ist mit mir schon als Studentin aus meinem schwäbischen Elternhaus ausgezogen und stand als Denkmal immer da, wo ich wohnte. In dieser Truhe waren die 50 Kilogramm Gepäck, die meine Mutter als junge Frau damals mitnehmen durfte.
Tausendmal habe ich mir überlegt, was ich wohl von all meinen Habseligkeiten in diese Kiste packen würde, wenn ich fliehen und alles zurücklassen müsste. Noch heute habe ich Gegenstände in Gebrauch, die damals in dieser Kiste im Güterwaggon auf die lange Reise ins Ungewisse gingen. Heute liegt in Friedenszeiten meine Winterdecke darin, die nun, in diesem gefühlten Kriegszustand meiner Wohnung, auf all den ausgekippten Schubladeninhalten liegt wie eine fluffige Sahnehaube. Mein Bett ist durchwühlt. Eklig.
Der Alltag ist plötzlich kompliziert
Die halbe Nacht und einen ganzen Tag versuchen wir, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen, zu stapeln, zu sichten, um vor allem für die Polizei und die Versicherung herauszufinden, was eigentlich fehlt. Und hier wird die Geschichte erstaunlich. Gesucht wurden offenbar nur Geld und Gold. Geld war keines in meiner Wohnung, Gold in Form von etwas Schmuck, einer Uhr, die ich zu meinem 30. Geburtstag bekam, Goldmünzen, einem goldenen Ring … ist definitiv weg. Außer der Wohnungstür ist nichts zerstört. Glück gehabt, irgendwie.
Die ersten Tage vergehen mit Aufräumen, Sortieren, Wegwerfen, Putzen, Putzen, Waschen, Waschen, Waschen, durchbrochen von Schüben zitternden Entsetzens, aber auch von einer wachsenden Dankbarkeit. Meine Schätze, die Zeugnisse von jeder Menge Leben, von Sammelleidenschaften, meine Bücher, meine Keramiken, meine Tintenfässer – ich lebe sehr vitrinös und liebe als sammelndes Wesen abgeschlossene Kulturgeschichten alltäglicher Dinge, auch das wäre wieder ein eigenes Thema – sie sind gänzlich unberührt.
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Ich könnte aufgeräumt zufrieden sein, kämen mir nicht die Psyche und mein Körper massiv dazwischen. Nein, ich habe keine Angst, die Räuber könnten wiederkommen. Die Ratschläge der Freundinnen und Freunde reichen von Alarmanlage, Kameras, Bewegungsmeldern bis Hund, und sogar ein vorübergehender Umzug zu Freunden oder in ein Hotel sind ungefragte Ideen.
Das ist alles nicht mein Thema: Die alltäglichsten Verrichtungen sind plötzlich kompliziert. Autofahren schwierig, selbst zu Fuß gehen wackelig, immer nah am Stolpern. Schmerzen in den Haarwurzeln, Schweißausbrüche beim Zeitunglesen, Panikattacken beim Einkaufen, plötzliches Zittern am ganzen Körper, Zahnschmerzen, Schwindel, Erschöpfung.
"Es ist unglaublich, was einem alles durch den Kopf geht, wenn das Nervensystem so überlastet ist"
Das geht so in Wellen über Wochen. Täglich führe ich Protokoll über meine Zustände, die ich mir selber nicht glauben will. Immer wieder enden die Einträge ins Tagebuch mit der Dankbarkeit, dass man mir nicht mehr genommen oder mehr zerstört hat, dass man aus Enttäuschung, weil man bei mir nicht findet, was man sucht, nicht die Polster aufgeschlitzt hat … Froh bin ich auch, dass niemand in meinem Kühlschrank war oder auf meinem Klo.
Im Laufe der Wochen entwickle ich eine Art Stockholm-Syndrom, wie man es von Geiselnahmen berichtet. Wer waren die Räuber? Die Polizei erklärt mir, es handle sich um Beschaffungskriminalität, man nehme nur mit, was sich schnell versilbern lasse – übrigens wurde auch mein Silberschmuck nicht angefasst –, solche Täter seien unter großem Stress und sehr schnell.
Ich stelle mir vor, was sie wohl in meinem "Museum der Banalitäten" gedacht haben, wer ich sei. Selbst die absurde Frage, ob sie mich hinterher gegoogelt haben, kommt mir in den Sinn, oder ob es möglich wäre, dass Einbrecher "chrismon" lesen, ja echt, so schräg kann ich denken. Manchmal entsteht dabei sogar die Idee, die Eindringlinge hätten vor meiner für sie unnützen Habe eine Art Respekt entwickelt.
Manchmal glaube ich, dass der oder die Einbrecher geradezu geschockt waren, wie schwer die Tür zu knacken war … – niemand im Haus hat gehört, wie die Tür in nachweislich 14 Versuchen aufgebrochen wurde. Ich stelle mir vor, wie sehr in Eile sie waren und in der Befürchtung, ich käme nach Hause … oder der Nachbar … Es ist unglaublich, was einem alles durch den Kopf geht, wenn das Nervensystem so überlastet ist.
Fehlt da was?
Abends scanne ich Ebay und suche nach "meiner Uhr". Ich versuche, der Versicherung zu erklären, dass ich nicht mehr weiß, was die Dinge wert sind, und dass ich sie auch nicht alle fotografiert habe.
Wochenlang fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Auf meinen Kopf ist kein Verlass. Auf meinen Körper ist kein Verlass. Ich sehe schlecht. Dafür höre ich seltsame Töne und frage ständig: "Hörst du das auch?" Mitten im Satz kommt mir die Hälfte weg und ich weiß nicht, was ich sagen will.
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Wo ist der Schlüssel? Mein Handy? Was wollte ich hier? Eine panische Angst, Passwörter zu vergessen oder PIN-Codes. Ich lasse nachts das Licht an, dabei ist der Einbruch am helllichten Tag geschehen. Die Telefonnummer vom Weißen Ring, die mir einer der Polizisten dagelassen hat, liegt heute noch in meiner Küche. "Scheuen Sie nicht, dort anzurufen", hat er gesagt, und dann, was sag ich dann? Mir ist nicht wirklich was passiert, obwohl …
Die Küche bleibt wegen ihrer Unversehrtheit über Wochen mein Rückzugsort. Immer wieder sage ich mir, dass nichts Schlimmes passiert ist. Meine Tür ist längst durch eine neue ersetzt, die noch sicherer ist als die alte. Riegel vor, habe ich von der Polizei gelernt. Abends sitze ich auf der Couch und gucke in mein Bücherregal, entdecke eine Lücke und frage mich, was da wohl stand.
Fehlt da was? Nein, mir fehlt nichts. Ich hatte ganz viel Glück. Für die Einbrecher muss so ein Haushalt der Alptraum sein. Zu viele Bücher, zu viele Keramiken, zu viele Stehrümchen, nichts, aber auch gar nichts, was man zu Geld machen kann, was für Dritte Wert hat. Das ist der beruhigendste Gedanke von allen, dass es sich überhaupt nicht lohnt, bei mir einzubrechen.
Nach zwei Monaten bin ich wieder Herrin meiner Sinne, habe Freundinnen und Freunde eingeladen, um mit mir zu feiern, dass der Spuk vorbei ist. Ich höre wieder Musik, und wenn ich an meine Schallplatten- und CD-Regale gehe, stelle ich mir manchmal vor, dass die Diebe – ich stelle mir immer noch zwei vor – auch hier den Kopf geschüttelt haben, und wenn ich besonders gut drauf bin, denke ich, sie haben mir vielleicht eine CD mit ihrer Musik dazugestellt. Noch habe ich sie nicht gefunden. Es ist also wirklich fast nichts passiert. Dem Himmel sei Dank.
Drei von zehn trifft es
Was ist bei einem Wohnungseinbruch zu tun?
- Nichts anfassen
- 110 anrufen
- Nachbarn um Hilfe und Begleitung bitten
- Nichts aufräumen
- Erst wenn die Polizei mit der Spurensicherung durch ist, Schäden so weit wie möglich fotografisch dokumentieren – vor dem Aufräumen!
- Hausratversicherung informieren
- Schäden erfassen (Liste der entwendeten Gegenstände für die Polizei und die Versicherung)
Wie schützt man sich im Vorfeld vor Schäden durch Wohnungseinbruch?
- Einbruchschutz z.B. durch Riegel, Kamera, Alarmanlage etc. verbessern (Beratung durch eine Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle)
- Gute Nachbarschaft
- Hausratversicherung
- Kaufbelege sammeln und gut ablegen
- Schätze fotografieren

