- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können
Der Sinn von Jubiläen besteht nicht so sehr darin, berühmte Tote zu feiern, als darin, hartnäckige Klischees über sie aufzubrechen. So ist es mir gerade mit Rainer Maria Rilke ergangen, dessen 150. Geburtstag 2025 gefeiert wurde und dessen 100. Todestag in diesem Jahr ansteht.
Ich muss gestehen, dass ich meine schöne Insel-Ausgabe seiner gesammelten Schriften schon länger nicht mehr aus dem Regal genommen habe. Schuld daran waren diese Klischees, die sich in mir angesammelt hatten: Rilke als der späte, schwüle Romantiker mit diesem überladenen Stil, der immerzu Gott und Engel anruft, ohne es wirklich so zu meinen, der grandios-blödsinnige Verse wie "Armut ist ein großer Glanz aus Innen" schreibt, der mit seiner notorischen Liebesunfähigkeit und seiner lebenslangen Schnorrerei ziemlich unsympathisch erscheint.
Zum Glück konnte ich die Klischees hinter mir lassen. Dabei hat mir der Deutschlandfunk geholfen, der vor kurzen eine seiner "Langen Nächte" dem Doppeltjubilar gewidmet hat. Mit dem Redakteur Hans-Dieter Heimendahl und dem Autor Burkhard Reinartz verbindet mich viel, deshalb war ich gespannt, wie sich mir hier ein neuer Zugang eröffnet. Ich habe die zweieinhalbstündige Sendung zweimal, auf mehrere Winterspaziergänge verteilt, angehört. Denn es gibt hier viel zu entdecken und zu lernen über Rilkes Biografie und Werk: Das von Beginn an mit Krankheit belastete, zu kurze Leben, das gestörte Verhältnis zur Mutter und später zu vielen Frauen, die Reisen und Aufbrüche, die Phasen des Schreibens und Nicht-Schreibens.
Ich begegnete einer beispielhaft modernen Existenz, durchaus mit Franz Kafka zu vergleichen. Eine Person, die sich an den großen Fragen abarbeitete, die sich stellen, wenn man nicht mehr "zu Hause ist in der gedeuteten Welt": Was ist die Welt? Wer bin ich? Als Mann und Frau? Wo finde ich Sinn, und wie könnte ich ihn in Sprache fassen? Welchen Worten kann ich trauen? Dem geht diese "Lange Nacht" nach in einer fein ausbalancierten Komposition von erzählenden Passagen, Deutungen von exzellenten Fachleuten und feinsinnigen Lesungen.
Dabei kam meine verschüttete Liebe zu Rilkes Ding-Gedichten wieder hoch. Nach seinen in der Tat allzu aufgebauschten frühen Gedichten hatte Rilke in Paris eine Poesie des Schauens entwickelt, mit deren Hilfe er einzelne Erscheinungen der Wirklichkeit in den Mittelpunkt stellte wie den berühmten Panther. Dieses Gedicht könnte ich jeden Tag lesen, ohne dass es mir langweilig würde. Später ersetzte Rilke diese Poesie des Schauens durch eine Poesie des Hörens, die sich auf den Klang der Worte, die Musikalität der Verse fokussierte und dabei die Sinn-Konventionen des normalen Sprechens hinter sich ließ. Das Besondere an Rilke aber ist, dass auch seine radikalsten und modernsten Gedichte sich etwas Ansprechendes und Anrührendes bewahren.
Das unterscheidet sie von all den hermetischen Gedichten der Moderne und Spätmoderne, die nur noch von Universitätsgermanisten mühsam interpretiert werden können. Rilke ist eine Ausnahmeerscheinung und doch ein Dichter für viele.
Mir hat diese "Lange Nacht" schließlich über eine theologische Frustration hinweggeholfen. So gern ich früher Rilke gelesen habe, so unklar blieb mir der religiöse Charakter seines Werkes. Viel ist von Gott und Engeln, von Stundenbüchern und Pilgern die Rede, obwohl sich Rilke schon als Jugendlicher von dem Christentum, das er kannte, verabschiedet hatte. Irgendwann gingen mir die mittelaltertümelnden Spiritualitätskostüme auf die Nerven, die er nicht selten vorführte. Nun lernte ich, dass Rilke auf etwas zielte, was schon die ersten Romantiker wie Novalis ersehnt hatten. Man könnte es eine Mystik der Gegenwart nennen.
Lesetipp: Wie finde ich den Mut, einen neuen Weg einzuschlagen?
Der unbedingte Sinn des Lebens wird nicht in einem Jenseits des Lebens verortet und mit einem überweltlichen Absoluten verknüpft. Er wird aber auch nicht aufgegeben, sodass nur ein banal diesseitiges Leben übrig bliebe. Es gibt etwas Unbedingtes, es zeigt sich im Jetzt, im Moment höchster Aufmerksamkeit, wenn das Leben sich transzendiert, ohne in ein Jenseits zu fliehen. Mit konventioneller Frömmigkeitssprache ist das nicht zu fassen, manchmal aber in der modernen Kunst. Was Rilke allerdings zum Glück von der gegenwärtig blühenden Spiritualität der Achtsamkeit, die Ähnliches behauptet, unterscheidet, ist der Sinn für die Urkraft des Religiösen, die eben nicht bloß dem individuell-seelischen Wohlsein dient, sondern die erschreckt, erschüttert und verwandelt ("ein jeder Engel ist schrecklich" – "du musst dein Leben ändern").
Ich habe ich den Vorsatz gefasst, in diesem Jahr meine alten Rilke-Bände wieder hervorzuholen. Mit dem "Malte Laurens Brigge" will ich anfangen. Zudem habe ich einen Neujahrswunsch, nämlich, dass es solche Sendungen auch nach den anstehenden Programmreformen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiterhin geben wird. Und nun zum Schluss, wie sollte es anders sein, Rilkes Neujahrsgedicht:
Wir
wollen
glauben an
ein langes Jahr
das uns
gegeben ist, neu, unberührt,
voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit, voll
Aufgabe, Anspruch und Zumutung.
wir wollen sehen, dass wir´s nehmen
lernen,
ohne all zuviel fallen zu lassen von dem,
was es zu vergeben hat,
an die, die Notwendiges, Ernstes und Grosses
von ihm verlangen.
Deutschlandfunk Kultur: Rainer Maria Rilke: Grenzgänger, Literat, Revolutionär. Sendung vom 20. Dezember 2025

