07.08.2023

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit mehr als sieben Jahren lebe ich in Bayern. Wenn ich dort meinen Heimatort nenne, blicke ich oft in fragende Gesichter: Annaberg-Buchholz, wo ist das denn? Meistens schiebe ich direkt hinterher: "Dort im Erzgebirge, an der sächsisch-tschechischen Grenze, in der Nähe von Chemnitz, Dresden oder Leipzig." Oder begegne mit der sportlichen Gegenfrage für die Fußballbegeisterten: "Erzgebirge Aue?!" Über meine und andere DDR-Familiengeschichten berichte ich in meiner chrismon-Kolumne "Ostwärts".

Tony Fischer, Florian Koldevitz und ein Dutzend weiterer junger Männer haben meinem Kollegen Karl Grünberg und der Fotografin Sophie Kirchner erzählt, warum sie bewusst in Zwickau, Rostock, Raschau oder auf Rügen bleiben, auch wenn manche dort anecken oder Probleme mit Rechten haben. Lesen Sie ihre spannenden Antworten im aktuellen chrismon!

Will ich in den Osten zurückziehen? Ich werde das oft gefragt. Eine schwierige Frage. In meiner jetzigen Lebensphase mit Anfang 30 zwischen Job und Partnerschaft bleibt es wohl vorerst bei gelegentlichen Besuchen. Auch einer meiner Brüder ist weggezogen - vor allem, weil er und seine Frau wirtschaftlich keine Perspektive für sich im Osten sahen. So ging es vielen anderen auch: Von 1991 bis 2021 wanderten rund 1,2 Millionen Menschen mehr von Ost nach West als umgekehrt, die meisten in den ersten zehn Jahren nach der Wiedervereinigung. 2019 haben wir Menschen gefragt, was sie mit den 100 Mark Begrüßungsgeld gemacht haben.

Der Schriftsteller Bernhard Schlink studierte in den 1960er Jahren in Westberlin und verhalf einer Ostberliner Freundin zur Flucht in den Westen. Mit welcher Arroganz sie im Westen behandelt wurde, schockierte ihn. "Es wird viel über die im Osten geredet, aber wenig mit ihnen, und vor allem wird ihnen wenig zugehört", sagte er im chrismon-Interview 2021.

Mittlerweile sehen die Zahlen etwas anders aus: 2021 zogen 85.100 Menschen von Ost nach West - und 90.656 von West- nach Ostdeutschland. Etliche Regionen haben sogar so eine Art "Rückkehrerprogramm" aufgelegt. Auf der Website "Erzgebirge - Gedacht. Gemacht" erzählen Menschen, warum sie zurückgekehrt sind und wie sie die alte Heimat wiederentdecken. Ich finde diese Geschichten berührend und auch sehr ehrlich. Für viele bedeutet die eigene Heimat eben doch weitaus mehr als die Fremde, die einst so verlockend erschien – "vergass dei Haamit net", sagt man auf Erzgebirgisch.

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche – mit dem einen oder anderen Gedanken an das, was für Sie persönlich "Heimat" bedeutet.

Mit herzlichen Grüßen

Sarah Zapf
chrismon-Kolumnistin

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