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Beim ersten Mal war ich noch völlig ahnunglos: Ich wischte unter unserem Bett und irgendwas lief weg... patsch. Ich schaute mir das nun leblose Wesen kurz an und wunderte mich. Es wirkte echt groß, lange Fühler, ein weiß-silbriger Körper.
Ein paar Wochen später im Bad: wieder ein weghuschendes Wesen mit Fühlern, diesmal aber dunkler, wieder "patsch" mit dem Hausschuh; bald geschah ähnliches überall in der Wohnung und es war klar: Wir haben Silber- und Papierfische in unseren vier Wänden.
Wie bitte? Silberfische? In unserer niegelnagelneuen Neubauwohnung? Ja eben genau, erklärte mir der nette Hausmeister von der Baugenossenschaft gegenüber. Silber- und Papierfische seien längst eine Plage in vielen Neubauquartieren. Früher habe das Mauerwerk Zeit zum Trocknen gehabt, heute würden die Leute einziehen, kaum dass die Malerin ihren letzten Strich getan habe. Zur Feuchtigkeit sei Wärme ein weiterer Anziehungspunkt. Wir heizen echt wenig, doch unsere Wohnung ist gut isoliert, wir haben eine Fußbodenheizung. Dann erwähnte er Amazon und Co, Pappe und Papier seien ein Lieblingsfutter.
Nö, betrifft mich nicht. Ich will helfen, den Einzelhandel zu erhalten und boykottiere Amazon wie andere Lieferdienste. Er daraufhin: "Das hilft Ihnen leider gar nichts. Die Fischchen krabbeln aus den Altpapiercontainern im Müllraum im Erdgeschoss locker auch ein paar Stockwerke hoch." In allen Neubau-Häusern, die er betreue, jammerten die Leute über die Plage. Nur laut drüber reden würden sie nicht. Sei halt peinlich!
Eines sonnigen Tages bemerkten wir auf unserem liebsten Kunstdruck an der Wand ein komisches "Loch". War das schon immer da? War das Bild mal von der Wand gefallen? Irgendwann dann ein weiterer, dann noch einer. Ich schrieb der uns bekannten Künstlerin: "Hallo Sabine, unser Druck hat 'Masern'. Kann es sein, dass da die Farbe abgeht?" Nein, natürlich nicht, antwortete sie,wir sollten mal vorbeikommen, sie könne das sicher ausbessern. Wir machten einen Termin ab. Doch vorher noch stolperte ich über ein Video in der ARD und lernte, dass die kleinen Tierchen wirklich gefährlich für alle Arten von Papierchen sind, wenn sie eben nicht Silber-, sondern Papierfischchen sind. Mist! Die hatten unseren Lieblingsdruck angeknabbert.
Das Gespräch mit dem netten Hausmeister ist gut vier Jahre her. Und ich habe seither vieles probiert - über ein Jahr standen überall Papierfallen in der Wohnung, und alle paar Tage sammelte ich sie ein: mit Dutzenden von "Leichen". Es war super ekelhaft. Ich forschte weiter, und lernte, dass Silberfische bis zu acht Jahre alt werden und nicht gesundheitsgefährdend sind; im Gegenteil, sie fressen ja auch Milben. Sie kommen auch in putzfeinen Wohnungen wie der unseren vor, und niemand muss sich schämen. Zweimal war ein Schädlingsbekämpfer da und hat giftiges Klebzeug in der ganzen Wohnung direkt an den Fußbodenleisten auf dem Parkett verteilt. Das gab nicht nur eklige Flecken, es hat auch nur kurz geholfen.
Von Nachbarn hörte ich, dass es dort so schlimm sei, dass ihre Mieter nun die Miete mindern würden. Unser reparierter Druck ist jetzt unter Glas, aber jedes Mal, wenn ich ein Buch aus dem Bücherbord hole, habe ich Angst vor "Löchern", erst recht bei den mir so kostbaren Fotoalben unserer Familie. Und dann irgendwann war so ein Kerlchen, eher ein Kerl, bei uns im Bett. Es reichte.
Nachbarn empfahlen ein Biozidspray. Alle drei Monate einmal alle Fußleisten in der Wohnung aussprühen, anschließend viel lüften. Hilft. Und hoffentlich kann ich irgendwann ganz damit aufhören.





