27.01.2020

Liebe Leserinnen und Leser,

Zwi Steinitz konnte früher gar nichts über seine Vergangenheit sagen - bis er mit einer Therapie begann. Dann wollte er etwas über sein Leben aufschreiben. Wollte gar ein Buch schreiben. Wollte, dass es als deutsches Buch erscheinen würde. Wollte mit seinem Buch nach Deutschland reisen - dort ging er in Schulen und erzählte den Jugendlichen, wie er als Helmut Steinitz in Posen aufwuchs, in einer Familie mit Niendorf-Flügel und Bibliothek, mit Gedichten von Goethe, Schiller, Heine, mit Beethovens Pastorale. Und wie einen Tag vor seinem 15. Geburtstag seine Familie im Ghetto Krakau Schlange stand, stundenlang, vor SS-Soldaten: ein Kreuz auf der Kennkarte, und man wurde ins Vernichtungslager deportiert. Ein SS-Mann kritzelte ein Kreuz auf die Karte seines Vaters. Helmut Steinitz stellte sich schnell in eine andere Reihe. Der Gestapo-Mann dort gab ihm den rettenden Stempel. 

Nur wegen dieses willkürlich ausgeteilten Stempels überlebte Helmut, anders als sein Vater. "Was hat diesen Gestapo-Mann dazu bewegt?" - diese Frage hat Zwi Steinitz ein Leben lang verfolgt. 

Vor vier Jahren hat chrismon Familien, die bei Amcha (einer israelischen Organisation für Holocaustüberlebende) zusammenkamen,porträtieren lassen. Auf chrismon.de steht seither auch ein Video, in dem unter anderem Zwi Steinitz zu Wort kommt - nicht mit seiner Geschichte, wohl aber mit dem, was ihn heute bewegt: "Ich habe niemals an Rache gedacht", sagt er in dieser Kurzdoku. Zwi Steinitz starb vergangenen August im Alter von 92 Jahren. 

Mit einem bewegenden Titelbild erschien chrismon im April 2016: Es zeigt Elias Feinzilberg, damals 98 Jahre alt, er überlebte Zwangsarbeit, Vernichtungslager und Todesmärsche. Neben ihm seine Enkelin Dana. Sie sind in ein Gespräch vertieft, lachen. Dana beugt sich zu ihrem Großvater und berührt seine Nase mit ihrer Stirn.  

"Die Geschichten müssen weitergetragen werden", sagt Michaela Vidláková, auch wenn diese letzten Zeugen nicht mehr leben. Die 83-jährige Vidláková erlebte ihre Befreiung in Theresienstadt im Alter von acht Jahren. Meine Kollegin Lena Ohm von evangelisch.de hat ihre Geschichte aufgeschrieben und einen Film über sie gedreht. Frau Vidláková war gerade in Deutschland, um als Zeitzeugin an Schulen und Universitäten aufzutreten. 

Zdzisława Włodarczyk war dabei, als am 27. Januar vor 75 Jahren Auschwitz befreit wurde. Lena Ohm hat auch ihre Geschichte festgehalten, wie auch viele andere, die auf evangelisch.de nachzulesen sind. Der Tag, an dem Włodarczyk ein zweites Leben geschenkt wurde, ist in Deutschland ein Gedenktag, den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet. Nutzen Sie ihn, halten Sie die Erinnerungen der Überlebenden wach. Es muss ein Ende haben, dass Menschen in Deutschland wegen ihrer Herkunft, Religion oder ihres Aussehens schlechtgeredet werden. Nie wieder darf es dazu kommen, dass Menschen deswegen ausgegrenzt und verfolgt werden. 

Ich wünsche Ihnen eine anregende Woche.

Burkhard Weitz

chrismon-Redaktion