Liebe Leserin, lieber Leser,
Haben Sie auch "Babylon Berlin" gesehen? Die Fernsehserie, die im Berlin der 1920er Jahre spielt? Ich gestehe: Mich haben die Folgen süchtig gemacht. Unfassbar spannend war das und so aktuell: eine erstarkende Rechte, ein zerbrechendes Land, korrupte Politiker, Drogen, Vandalismus, wilder Sex, Verschwörungen. Fast wie heute, nicht wahr?
Doch dann saß ich bei der Premiere des Stückes "Revolution!?" im Publikum und sah auf der Bühne Schauspieler, die historische Personen aus genau dieser Zeit verkörperten. Was für ein Elend damals: Millionen traumatisierter Soldaten mussten integriert werden; Arbeitslosigkeit, Inflation, Freikorpskämpfer, Reparationszahlungen. All das ist auch nicht annährend zu vergleichen mit unserer Situation heute.
Ich recherchierte zu Friedrich Ebert und erkannte, was dieser Mann, trotz seiner unbestreitbar sehr großen Schwächen, auf den Weg gebracht hat. Mein Bild von Weimar und von der Revolution 1918 ist jetzt ein anderes. Ich schaue nicht mehr nur nach dem, was gescheitert ist, sondern auch nach den Erfolgen. Ohne Weimarer Verfassung sähe unser Grundgesetz anders aus.
Und ich passe stärker darauf auf, wo ich historische Parallelen ziehe. Ich will nicht dazu beitragen, dass Politiker generell als korrupt beschimpft werden; dass die gefühlte Angst, in diesem Land gehe "alles den Bach runter", weiter steigt. Eines jedoch ist mir schon klar geworden: Damals hat die bürgerliche Mitte versagt. "Macht was draus, Ladys" hat meine Kollegin Ursula Ott ihren Beitrag zur Einführung des Frauenwahlrechts 1918 betitelt. Ein guter Kampfaufruf, den ich mal um alle anderen Geschlechter erweitere: Treten wir ein für diese unsere Demokratie, es lohnt sich!
Ich diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine kämpferische Woche.
Mit herzlichen Grüßen
Dorothea Heintze

