15.11.2010

Eine Einladung bei alten Freunden. Im Treppenhaus die Blumen ausgepackt, das Töpfchen mit selbst eingemachtem Quittengelee und den Chianti unterm Arm. Das mögen sie, wir wissen es. Sabine öffnet. Die Schuhe ­ ja, wir wissen: Der Kongress tanzt auf Socken. Der Teppichboden war ja so teuer!

Zwölf Jahre waren wir nicht mehr bei Sabine und Jo. Es hat sich einiges verändert. Die Björns und Billys von der Ikea-Regalfront sind desertiert. Massive Buchenbretter tragen an ihrer Stelle den linksliberalen Buchbestand.

Das Wohnzimmer vermittelt solide Bürgerlichkeit. Eine langstielige Rose leuchtet vom Klavier. Wo einst die Poster von Pink Floyd und San Francisco hingen, schaut uns heute streng Sabines Großmutter in Öl entgegen nebst einem Aquarell der Elblandschaft bei Dresden. Behaglich, die Sitzmöbel. Die Matratzen, auf denen man einstens lagerte, konnten die Rotweinflecken nicht mehr aufnehmmen, spöttelt Jo halb selbstironisch, halb verlegen. Sie machten einer Couchgarnitur mit Beistelltischchen Platz. Sabine und Jo sind angekommen in der Behausung, die einem Mittvierziger-Ehepaar gebührt. Alles stimmt.

Stimmt wirklich alles? Das frage ich mich heimlichst, während Jo launig von Daniel, dem Erstgeborenen der beiden, erzählt. Der macht eine Lehre bei der Bank. Mit gutmütigem Spott fällt ihm Sabine ins Wort: "Neuerdings brezelt er sich unglaublich auf. Gel im Haar und so. Liegt wohl an seiner neuen Freundin. Claudia ­ eigentlich eine nette Person. Die kommt aus einer Familie, in der das Äußere unglaublich wichtig ist." ­ "Neues Geld", fügt Jo verschwörerisch hinzu, "kommen übrigens nachher auf einen Sprung vorbei und liefern Daniel ab. Waren übers Wochenende zusammen."

Wenig später stehen Lucie und Hermann, Claudia und Daniel tatsächlich im Zimmer. Den Jungen erkenne ich mit Mühe wieder. Er war höchstens zwölf, als wir uns zum bisher letzten Mal gesehen hatten. Daniel trägt eine schicke Kombination, schwarze Hose, schwarzer Rolli, silbergraues Jackett. Auf Taille geschnitten. Er kann das tragen. Gepflegte Frisur, feiner Oberlippenbart und ­ tatsächlich ­ ein wenig Gel im Haar. Wenn vorher nicht die Rede davon gewesen wäre, hätte ich es wohl nicht bemerkt. Er hat es also gut dosiert.

Und Claudia? Trägt ein klassisches Kostüm mit einem schlichten Seidenschal. Die junge Frau hat Geschmack. Wie übrigens auch die Eltern. Hermann mit einem beigefarbenen Kamelhaar-Sakko, dunkelgrauer Hose, bordeauxrotem Hemd. Lucie im blauen Rock mit passendem Pullover, von dem eine alte Brosche blinkt. Was ist an denen aufgebrezelt, frage ich mich nun wirklich ratlos?

Dann sehe ich die Antwort. Ich brauche nur Jo und Sabine anzuschauen. Immer noch dieselben Pullis wie vor zwanzig Jahren, immer noch die gleichen Blue Jeans. Die letzten Delegierten der Modefraktion aus dem WG-Zeitalter. Das Einzige, was Sabine je mit ihren Haaren veranstaltet hat außer dem Hausmacher-Haarschnitt, war, es mit Henna zu färben. Nun hängen ihr halblang und halbgrau die Strähnen vom Haupt. Bei Jo sind sie weniger zahlreich und ganz grau um seine Glatze gruppiert.

Nichts gegen modische Verweigerung und den Mut zur Unansehnlichkeit, zur Farblosigkeit. Ich für meinen Teil bin froh über all die Familien, in denen die nächste Generation zeigt, das gutes Aussehen keine Sünde und kein unbezahlbarer Luxus ist. Kein Italiener oder Portugiese aus einfachsten Verhältnissen würde sich in Jos Pullover auf die Straße begeben oder gar Gäste einladen. Der Körper ist der Tempel der Seele, schrieb schon der Apostel Paulus. Wer ihn pflegt und schmückt, dankt seinem Schöpfer.

Falls Sie der Meinung anhängen, wer sich schön macht, sei oberflächlich: Ich habe mit Daniel an diesem Abend ausgiebig über aktive Sterbehilfe gestritten. Es war ganz schön anstrengend ­ der Kerl zeigte sich informiert.

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