15.11.2010

Dem legendären gallizischen Wunderrabbi Meir wird die Erfindung des folgenden Dialogs mit seinem Gott zugeschrieben: "Wenn der Herr mich im Jenseits fragen wird: Meir, warum bist du nicht Moses geworden? ­ so werde ich ihm sagen: Herr, weil ich Meir bin. Und wenn er mich weiter fragen wird: Meir, warum bist du nicht Ben Akiba geworden? ­ so werde ich gleichfalls sagen: Herr, weil ich eben Meir bin. Wenn er aber fragen wird: Meir, warum bist du nicht Meir geworden? ­ was werde ich dann antworten?" Die letzte Frage hat das an sich, was "den modernen Menschen" umtreibt: Es ist die Frage nach der persönlichen Identität, einer Identität jenseits vorgegebener Rollen, Vorbilder und sozialer Schnittmuster.

Meir konnte sich ­ wie Augustinus, Martin Luther und alle, die ihr Leben dauerhaft an einen persönlichen Gott binden ­ darauf verlassen, dass die persönliche Identität ein starkes, außergesellschaftliches Gegenüber hatte. Wenn der Rabbi es schaffte, gegenüber seinem Gott unverwechselbar Meir zu werden, hatte er die passende Antwort auf die Frage nach der persönlichen Identität. Damit war er einerseits den Forderungen seines Gottes als dessen "Knecht" nachgekommen, andererseits aber gesellschaftlich zum "freien Herrn" geworden und "niemand untertan" (Luther). Mit solchem Halt im Rücken war er nun zugleich von der Last befreit, innerhalb und gegenüber der Gesellschaft persönliche Identität aufbauen und erhalten zu müssen.

Der Christengott ist aber zugleich, wie der Soziologe Georg Simmel zu Recht betonte, anders als andere Götter der Gott des Individuums. Dieser Gott garantiert keine kollektiven religiösen Standardlösungen für das Verhältnis zwischen Gott und Menschen. Der Christengott ist für jeden Einzelnen da. Das ist der Gewinn. Aber dadurch, dass er für jeden Einzelnen als besonderen, gesonderten Einzelnen da ist, verlagert er die Verantwortung für die Lebensführung und den Glauben von der religiösen Gemeinschaft auf das einzelne Individuum. Das ist die neue Bürde. Zur Erleichterung schreibt man später dem "aufgeklärten" Individuum ­ mit Ausnahme der Zeitlosigkeit (Ewigkeit) ­ jene Qualitäten zu, die man einst dem Gott zugesprochen hatte: Damit ist ein innerweltlicher Wechselbalg geboren, den sich die Moderne als Ersatz für den aus ihrer Sicht gestorbenen Gott selbst unterschiebt.

Da jedoch nach wie vor gilt, dass "keine Erfindung dem Menschen wohl leichter gefallen ist als die des Himmels" (Georg Lichtenberg), wäre es ein Wunder, wenn nicht an die Stelle des Glaubens an den alten Gott und seinen Himmel die Suche nach neuen Göttern und ihren Paradiesen treten würde: in pluralistischen Gesellschaften zumal, die von sich aus dieser Suche mit einer großen Angebotspalette entgegenkommen. Am reichhaltigen Weltanschauungsangebot wird deutlich, dass die Gegenwart nicht an "Sinndefiziten", sondern an deren Inflation leidet. Die "Sinnanbieter" ­ alte, neue und synthetisierte Religionen; Kirchen und Sekten; Visionäre, Heiler und Charismatiker; Therapie-, Meditations- und Ekstasetechniker ­ folgen dem, was sie für das Gesetz des Marktes halten. Sie bieten "Schnupperkurse" für Interessenten und Sinnwechselwähler an. Aus dem Homo viator, der die Stationen seines Lebens innerhalb einer Konfession durchwandert, wird ein Weltanschauungstourist. Der durchreist nach und nach unterschiedliche Weltanschauungsprovinzen, unterhält in mehreren einen Nebenwohnsitz, ist mit der Zeit überall zu Hause und kann auf die Frage nach seinem Hauptwohnsitz keine entschiedene Antwort mehr geben.

Was in den Großstädten der USA schon fast zum Standard geworden ist, dass man nämlich im Verlauf des Lebens ­ oft mit dem Wohnort ­ auch die Religionszugehörigkeit wechselt und Mehrfachmitgliedschaften in verschiedenen Kirchen unterhalten kann, kündigt sich auch in der Alten Welt an: Mit der Umgebung wechselt man die Farbe. Aber anders als beim Chamäleon muss der Anlass für den Farbwechsel nicht Angst sein. Oft genügt der sanfte Druck zur Anpassung oder die pure Freude am Farbwechsel.

Selbst wenn das Leben als ernsthafte "Suche" empfunden und diese letztlich selbst zum Ziel wird, hat dies Folgen für das Gewicht der Entscheidungen: Was als Wahlfreiheit erscheint, ist mit der Zeit nicht mehr als die Freiheit zum immer Gleichen. Die ursprünglich existenzielle Dramatik der Suche verflüchtigt sich. Man reist immer komfortabler. Was zunächst als Vergrößerung eines Erfahrungsschatzes gedacht war, wird allmählich zu einer Sammlung von Weltanschauungssouvenirs. Es ist ein Besitz, den man liebt, weil er ­ angesichts des beliebig Verschiedenen ­ Weisheit suggeriert.

Die unentwegte Suche und die Gründung immer neuer religiöser Wohnsitze signalisieren, dass man sich tendenziell überall wohnlich einrichten kann, ohne ein zentrales Zuhause zu haben. Es entsteht eine Welt, die kein Heimweh mehr kennt, weil sie kein Zuhause mehr ist. So oberflächlich das "Religionsswitching" einerseits erscheint, so tief verwurzelt ist andererseits sein Anlass: eine grundlegende Religiosität.

Angesichts der vielen gegenwärtig angepriesenen religiösen Antworten auf die "letzten Fragen der Menschheit" ­ Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was sollen wir tun? (Kant) ­ können wir nicht einfach den Glauben der Vorväter als kollektiv abgesicherte Wahrheit übernehmen. Leben im Pluralismus bedeutet, sich der Konkurrenz der Wahrheiten zu stellen und seine Entscheidung zu treffen. Der Sinnsuchetourismus weicht dieser Entscheidung, die auch eine Abwendung von jeder Religion zur Folge haben kann, aus. Er zerlegt das zentrale Entscheidungsproblem in genießbare Portionen. Das durch immer neue Eindrücke und Richtungswechsel zerstreute Individuum betreibt Selbstsuche ohne Selbst.

Pluralistische Gesellschaften vermitteln den Individuen stärker als jede andere Gesellschaftsform die Erfahrung, im Letzten ausschließlich auf sich selbst gestellt zu sein. Es kommt zu dem Paradox, dass mit der Zunahme der sozialen Kontakte und mit den Vielfach-Mitgliedschaften zugleich die Vereinzelung der Individuen wächst: Wer auf vielen Hochzeiten tanzen muss, verliert die Kernfamilie. Auch und gerade dann, wenn wir uns in unserem Leben auf andere hin ausrichten, stellen wir fest, dass alles, was einer dem anderen sein kann, seine sehr engen Grenzen hat: Am Ende bleibt doch jeder allein und da, so der Philosoph Arthur Schopenhauer, kommt es darauf an, wer jetzt allein sei.

Wieder taucht das Suggestivbild vom selbstversorgten Individuum auf, diesmal nicht aus Wunsch, sondern aus Zwang heraus geboren. Aber die sozialen Kosten sind hoch, wenn der Gott des Individuums das Individuum selbst sein soll. Dieser Gott ist nicht nur sterblich, was zu verschmerzen wäre, weil er zusammen mit seinem einzigen Anhänger verginge. Sein Reich wäre darüber hinaus zusammengeschrumpft zu einer Minimalwelt. Nicht die Sozialität in der Vielfalt, sondern der Rückverweis auf die einzelne Existenz erwiese sich als Kern des Pluralismus. Ganz offensichtlich können und wollen wir uns diese soziale Apartheit durch Vereinzelung nicht aufzwingen lassen. Gleichzeitig ist den meisten von uns die umstandslos naive Rückkehr zum "Glauben unserer Väter" und zur Verwalterin dieses Glaubens, der Kirche, ebenso wenig möglich. Auch hier gilt: Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen! Erwerben heißt, durch eigene Erfahrung prüfen. In letzter Konsequenz kann dies auch bedeuten, dass man das Erbe ausschlägt.

Zugleich enthüllt sich bei einer ernsthaften Prüfung das Dilemma jeder "Sinnsuche". Wir entdecken jene Grundoperation, die uns die Welt, unsere Mitmenschen und uns selbst zugänglich macht: die Unterstellung nämlich, dass unser Handeln und alles, was uns umgibt, letztlich einen Sinn hat oder haben muss. Wir belegen alles und jedes mit "Sinn", einer Kategorie, die schon deswegen kein Gegenüber hat, weil wir selbst das "Sinnlose" und Zufällige in eine Gesamtdeutung einbauen und den eigentlichen Gegner des Sinns, das Nichts, gar nicht denken können.

Dieses (Eigen-)Leben des Sinns flüstert uns immer schon den Sinn des Lebens ein. Verbündeter und Träger der Einflüsterung ist die Sprache, die uns mit Bedeutungen füttert, so vage und zweifelhaft diese auch sein mögen. Der Sinnfalle können wir uns nicht entziehen, aber wir können sie erkennen. Wenn sich jedwede "Sinnsuche" auf derart unsicherem Boden vollziehen muss, wenn den Individuen wenig mehr zur Prüfinstanz dient als die eigene Erfahrung, so lassen sich daraus immerhin folgende, halbwegs sichere Schlüsse ziehen: Jede ernsthafte Suche findet letztlich individuell statt; sie ist weder standardisierbar noch berechenbar, und ihr Endpunkt lässt sich nicht vorhersagen.

Hauptwohnsitz unbekannt: Der Weltanschauungstourist von heute begibt sich auf eine Reise mit offenem Ende

Sinndiagnose allüberall: Auch das Zufällige und Sinnlose wird in fragwürdige Gesamtdeutungen eingebaut

CHRISMON-Autor Hans-Georg Soeffner, 61, ist Professor für Soziologie an der Universität Konstanz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist Religionssoziologie. Besondere Beachtung fanden seine Werke "Die Ordnung der Rituale" und "Gesellschaft ohne Baldachin"

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.