Niedriges Einkommen fürht zu weniger Engagement auf der Arbeit.
epd-bild/Norbert Neetz
Ob Löhne gerecht sind, können Wissenschaftler nicht messen. Ob sie von der Bevölkerung als gerecht empfunden werden, dagegen schon. Eine DIW-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass besonders Unterbezahlung auch für die Allgemeinheit negative Folgen hat.
12.09.2018

Niedriglöhne verletzen das Gerechtigkeitsgefühl der Bevölkerung und haben negative Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. Das geht aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Eine überwältigende Mehrheit der Arbeitnehmer findet danach, dass Putzfrauen, Friseure und Postboten unterbezahlt sind. Niedrigeinkommen von durchschnittlich 1.200 Euro brutto im Monat, die in diesen Branchen gezahlt werden, nehmen fast alle Arbeitnehmer (96 Prozent) als ungerecht wahr.

Auch mittlere Einkommen von durchschnittlich 2.700 Euro, etwa in der Krankenpflege oder im Handwerk, empfinden 81 Prozent der abhängig Beschäftigten als Unterbezahlung. Die DIW-Forscher fragten für ihre Studie nach der Bewertung der Durchschnittseinkommen im unteren Zehntel, im mittleren und im oberen Zehntel der Einkommensskala.

Ungerecht hohe Einkommen

Dass Einkommen ungleich verteilt sind, wird hingegen grundsätzlich akzeptiert. Die Tarifstruktur und Einkommensverteilung in Deutschland werde der Befragung zufolge, abgesehen von den Niedriglöhnen, weitgehend als legitim angesehen, erklärte Studienautor Stefan Liebig. Ungleichheiten allein führten demnach nicht zu negativen gesellschaftlichen Konsequenzen. Hohe Einkommen von durchschnittlich 6.100 Euro etwa für Ärzte oder Ingenieure werden von jedem Zweiten als gerecht bewertet. 38 Prozent finden sie ungerecht hoch.

Entscheidend sei, dass in der Wahrnehmung der Menschen Leistung und Entlohnung zusammenpassen müssten, so Liebig. Dies sei insbesondere bei den Billiglohn-Jobs aber auch bei Spitzenverdienern im Management nicht der Fall. Wird das eigene Einkommen als zu niedrig oder werden Spitzengehälter als unberechtigt hoch empfunden, reagieren die Menschen vor allem mit Rückzug und Resignation - zum Schaden von Wirtschaft und Gesellschaft.

Weniger Engagement am Arbeitsplatz

Die DIW-Forscher stellten fest, dass bei einem starken Ungerechtigkeitsempfinden sowohl das Engagement am eigenen Arbeitsplatz sinken kann wie auch die Beteiligung an der politischen Willensbildung zurückgeht. So nimmt etwa die Bereitschaft wählen zu gehen ab, je stärker die Einkommensverteilung als ungerecht empfunden wird.

Um den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu stärken, könne die Politik erfolgreich bei zu niedrigen Arbeitseinkommen ansetzen, empfehlen die Wissenschaftler. Mit der Einführung des Mindestlohns sei dazu ein erster Schritt unternommen worden. Andere Studien hätten gezeigt, dass der Mindestlohn dem Gerechtigkeitsempfinden entspreche - auch wo er faktisch nur zu höheren Stundenlöhnen, nicht aber zu steigenden Monatseinkommen geführt habe.

Für ihre Untersuchung haben die Autoren der Studie, Jule Adriaans und Stefan Liebig, die Antworten von 2.400, repräsentativ ausgewählten Erwerbstätigen ausgewertet, die zum Zeitpunkt der Befragung sozialversicherungspflichtig in Vollzeitjobs beschäftigt waren.

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