15.11.2010

Ich war zwölf Jahre alt, da ließ ich meine Geige im Zug liegen. Sie war eine Leihgabe der Schule, in die ich täglich fuhr. Von freudschen Fehlleistungen wusste ich nichts, davon, dass mein Unterbewusstsein mich wohl veranlasst hatte, den schwarzen Kasten einem davonfahrenden Zug anheimzugeben. Dieses Malheur wollte ich meinen Eltern keinesfalls zumuten. Sie würden sich aufregen: "Was glaubst du, was das kostet?" Spätabends, im Bett, war mir klar: Ich werde nicht allein mit der Situation fertig. Ich beichtete im Nachthemd unter Tränen.

Es war, wie ich es mir ausgemalt hatte. Dazu gab es eine saftige Ohrfeige. Mein Vater eilte am nächsten Tag zum Fundbüro und drückte mir mit strafendem Blick die gefundene Geige in die Hand. Ein Fall, der ohne Eltern tatsächlich nicht zu meistern war. Aber muss man ihnen, wenn man längst erwachsen und verantwortlich für das eigene Leben ist, wirklich alles sagen?

Wer sich nachts schlaflos im Bett wälzt, weil er den fürchterlichen Verdacht hat, dass der 16-jährige Sohn mit Partydrogen dealt, der spricht mit der besten Freundin, mit dem langjährigen Kumpel. Über die HIV-Infektion des schwulen Partners redet ein Mann, wenn überhaupt, nur mit Personen, bei denen er sicher verschwiegenes Verständnis findet. Auch wer mit seinem Arbeitgeber vor den Kadi zieht, weil der ihm kündigen will, berät sich mit Freunden oder vertrauten Kollegen. Aber mit den Eltern? Sie bleiben bei vielen Menschen außen vor - aus einem verständlichen Grund. Tochter und Sohn wollen in den Augen ihrer Mutter, des Vaters erfolgreich sein. Ihr Leben, Familie und Beruf - das soll einfach gut aussehen, damit Eltern stolz sind.

Man will die Zuneigung seiner Eltern durch eine strahlende Bilanz behalten oder erobern. Sie sollen sich nicht für einen schämen müssen. Eine solche Haltung hat oft damit zu tun, dass man als Kind erfahren hat: Liebe ist von Leistung, von Wohlverhalten abhängig. Es reicht, wenn Eltern Missbilligung, vielleicht sogar Verachtung haben spüren lassen: Wenn du mir damit kommst, bist du nicht mehr willkommen. Dann wird ein Mensch später umso weniger preisgeben, wenn er Probleme hat oder gescheitert ist. Man muss und will sich das nicht erneut antun - als Versager abgestempelt zu werden.

Viel hängt davon ab, ob Eltern signalisiert haben: Du hast auch als verlorener Sohn, als gescheiterte Tochter bei uns immer ein Zuhause. Aber selbst wenn man wunderbare Eltern hat, die ihre Türen offen halten - es kann Gründe geben, ihnen nicht alles zu sagen. Wenn sie sich mit ihrem Alter, mit Krankheiten herumschlagen und jeder neue Kummer Gift für sie wäre. Wenn Geschwister mit ihren Pleiten und Pannen schon alle Aufmerksamkeit brauchen und man selber nicht noch eins "draufsetzen" will. Wenn man weiß, dass Eltern sich aus lauter Liebe mehr Sorgen machen als man selbst.

Manchmal allerdings können Mütter und Väter einen ganz schön überraschen. In ihrer Sensibilität genügt dann ein Blick und sie sagen: "Dir geht's nicht gut?" Sie machen Tee, schenken ein Glas Wein ein. Hören zu, stundenlang. Fragen behutsam nach. Erzählen ehrlich von sich selbst, von Ehekrisen, die sie mit Mühe gemeistert haben, von Katastrophen, denen sie geschickt ausgewichen oder in die sie geradewegs hineinmarschiert sind. "Es sollen nicht die Kinder den Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern den Kindern", sagt der Apostel Paulus (2. Kor 12,14). Mit Vätern und Müttern zu sprechen, die ihr Herz öffnen und auf Augenhöhe an ihren guten wie den bösen Erfahrungen Anteil geben, ist einfach wunderbar.

Liebe Leserinnen und Leser, wie ehrlich kann man mit Eltern sprechen, wieviel Wahrheit können sie aushalten? Schreiben Sie uns über www.chrismon.de

Susanne Breit-Keßler können Sie auch auf dem chrismon- Podcast "Segensreich" hören

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.