Lena Uphoff
15.11.2010

Dass sich Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst darüber ärgern, wenn sie bei gleichem Lohn zwei Stunden pro Woche mehr arbeiten sollen als bisher, verstehe ich. Dass die zuständige Gewerkschaft gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder protestiert, ist nichts anderes als ihre Aufgabe. Was mich zunehmend stört, ist die maßlose Sprache, in die Interessenvertreter aller Art ­ allen voran Gewerkschafter ­ solchen Protest kleiden. "Menschenverachtend" sei die Erhöhung der Arbeitszeit und Ausdruck einer "zynischen, unmenschlichen Politik". So kommentierte eine Gewerkschaftsfunktionärin den Vorgang.

Wenn ich mein Sprachbewusstsein wie eine Landkarte betrachte, dann liegt "menschenverachtend" darauf in einer Klimazone mit Terroranschlägen, mit Folter, mit Menschenversuchen, mit Vergewaltigungen und Kriegsverbrechen. "Zynisch" sei jemand, der auf "grausame Weise, den Anstand verletzend" Menschen verspotte, heißt es im Duden-Wörterbuch. Das deckt sich mit meinem Empfinden. Und auch die Definition für "unmenschlich" als "grausam gegen Menschen und Tiere, ohne bei einem Menschen zu erwartendes Mitgefühl vorgehend" kann ich unter- schreiben. Eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit im Staatsdienst mit diesem Vokabular zu belegen halte ich für eine schlimme Entgleisung.

Deutschland ist eine multikulturelle Gesellschaft. Möglicherweise empfindet die zitierte Funktionärin ihre Wortwahl als durchaus angemessen, weil die Begriffe in der Kultur des Apparates, dem sie angehört, etwas ganz anderes beschreiben als in meiner Welt. "Menschenverachtend, zynisch und unmenschlich" bedeuten in ihrem Jargon vielleicht nicht mehr als in meinem "ärgerlich", "übertrieben" , "einschneidend".

Solche Unterschiede sind mir nicht fremd. Ich habe sie als Journalist beispielsweise im Gespräch mit Kirchenleuten erlebt. Wenn eine evangelische Bischöfin oder ein römisch-katholischer Kardinal einen Vorschlag "wenig hilfreich" nennt, bedeutet das etwas Ähnliches, wie wenn der Chefredakteur einer Tageszeitung ihn unter Kollegen als "idiotisch" oder in einem Leitartikel als "ziemlich daneben" abkanzelte.

Im Schwäbischen versteht es jeder als Freundschaftsbekundung, wenn man einem Menschen zuruft: "Jetzt grüß Gott, du altes Arschloch!" Andernorts gilt derselbe Ausruf als beleidigend und beschäftigt Gerichte, während "Hurensohn" geradezu ein Kosewort ist. Die britische Königin wäre über beide Prädikate, kämen sie ihr je zu Ohren, "not amused", was so viel bedeutet wie "empört und entsetzt".

Es würde mich trösten, wenn ich sicher sein könnte, dass die Funktionärin es ­ aus kulturellen Gründen ­ nicht so gemeint hat, wie es bei mir und vielen anderen Menschen angekommen sein muss. Gleichwohl würde ich ihr und ihren Kollegen empfehlen, einmal über die Wirkung ihrer Worte nachzudenken und sich der Erkenntnis zu öffnen, dass man mit Witz und Originalität bisweilen mehr überzeugt als mit Holzhammer-Phrasen.

Schlimm wäre, wenn die Interessenvertreterin bewusst die Gleichsetzung einer unangenehmen, aber letztlich harmlosen Mehrbelastung für mitteleuropäische Wohlstandsbürger mit Folter und Terror betrieben hätte. Schlimm wäre auch, wenn sie diese wissend in Kauf genommen hätte, im Sinne von: Wo gehobelt wird, fallen eben Späne, oder der Zweck ­ die politische Machtprobe ­ heiligt auch dieses Mittel.

Im einen Fall käme ich nicht umhin, ihr Sprachverhalten "ruchlos" zu nennen, was noch ein wenig mehr bedeutet als "skrupellos" und "schamlos". Im anderen Fall müsste ich tatsächlich das Etikett "zynisch" aufgreifen und gegen die Sprecherin verwenden, weil es aus meiner Sicht den Anstand verletzt und auf grausame Weise Menschen verspottet, die gerne arbeiten würden, jedoch leider nicht das Glück hatten und haben, den besonderen Kündigungsschutz des öffentlichen Dienstes zu genießen.

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