Fulbert Steffensky, Theologe am Vierwaldstättersee in Luzern fotografiert.Sophie Stieger
20.10.2010
2. Sonntag nach Epiphanias
Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist.
Römer 12,9-11

Im zwölften Kapitel des Römerbriefs entwirft Paulus eine Liturgie des Lebens, eine Liturgie der Vernunft, wie er sie im ersten Vers nennt. Es ist eine "Gegenliturgie" gegen die Geläufigkeiten jener alten imperialen Welt, gegen die herzlos "vernünftige" Liturgie des Todes, der Ausbeutung und der Versklavung, die dort selbstverständlich ist. "Stellt euch dieser Welt nicht gleich!"(12, 2) ­ so eröffnet der Apostel seine Gedanken, und dann beschreibt er die Gesetze seiner Liturgie: die Einigkeit der Gemeinde, die Gastfreundschaft, ihre Barmherzigkeit, ihr lauterer Sinn, ihr Brennen im Geist, die Fröhlichkeit ihrer Hoffnung, ihre Geduld in der Trübsal, der Verzicht auf Hass und Rache, die ungefälschte Liebe.

Leben wir heute als Kirche diese vernünftige Lebensliturgie? Die erwartete Antwort ist das zerknirschte Nein. Aber ich will mich nicht mit dieser Antwort begnügen, denn wir sind für unsere Hoffnung verantwortlich. Darum müssen wir lernen aufzumerken, wo es Anfänge einer Liturgie der Vernunft in dieser Kirche gibt ­ schon jetzt. Man muss sich widersprüchlich machen: nichts verschweigen vom eigenen Versagen und sehen lernen, wo der Geist bei uns schon angefangen hat zu zündeln.

Also schaue ich mir diese Kirche an und ich sehe ihren ökumenischen Blick. Ich sehe die Missionswerke mit ihrer politischen Aufmerksamkeit. Nein, sie stellen sich der Welt nicht gleich. Sie gehen nicht nach Honduras oder Guatemala, um dort in den Maquiladoras, den Fabriken, die für den Weltmarkt produzieren, Frauen für drei Dollar 13 Stunden am Tag arbeiten zu lassen. Die Missionswerke arbeiten für die Rechte jener Frauen.

Ich schaue mir die diakonischen Werke unserer Kirche an, die vielen Einrichtungen der Hilfe, und ich sehe, dass die Kirche ein Auge hat für die Niederlagen der Menschen: für die, die von einer Sucht überfallen sind; für die, die mit seelischen Konflikten leben; für die, die kein Dach über dem Kopf und kein Brot zu essen haben; für die Alten, die Beschädigten, die Dementen.

Ich schaue mir diese Kirche an und sehe Gruppen, die dem allgemeinen Konsens widersprechen. Ich sehe Kirchen, die Flüchtlingen Asyl gewähren und Gesetzen und Maßnahmen widersprechen, die sie in die Gefängnisse und in den Tod schicken. Ich habe das heiter-anarchische Bild vor Augen, wie Nonnen sich auf die Straße setzen und denen die Zufahrt blockieren, die die Flüchtlinge aus ihrer Kirche holen wollen. Ich schaue mir weiter diese Kirche an und sehe, wie sich Menschen auf Kirchentagen und in den Gottesdiensten um ein altes Buch scharen, um den Willen Gottes zu erkennen. Sie glauben daran, dass etwas geschrieben steht und dass sie sich nicht darin erschöpfen müssen, sich selber zu zitieren.

Wieso kommen wir so selten darauf zu sehen, was in dieser Kirche und unter uns schon grünt und blüht und brennt? Wieso können wir das eigene Gelingen nicht schätzen? Wieso sind wir so verliebt in unsere eigene Nichtigkeit? Haben wir noch lange Zeit für die Lust an der eigenen Sündigkeit? Gewiss, der andere, dunkle Blick auf die Kirche ist leichter; der Blick, mit dem wir erkennen, dass wir zu wenig tun und dass wir oft ganz andere Liturgien singen als die vernünftige, die Paulus vorschlägt. Keiner soll diese Kirche schöner reden, als sie ist. Aber niemand soll auch die Spuren des Geistes übersehen, die schon zu finden sind. Wir finden schön, was wir lieben. Lieben wir die Kirche zu wenig, um sie schön zu finden? Wir sind für unseren Lebensmut verantwortlich. Er wächst, wo wir die Schönheit würdigen, die schon aufgeblüht ist.