Man ist, was man isst, lautet der Slogan überzeugter Vegetarier, um den Liebhabern von Schweinebraten den Appetit zu verderben. Das gemeinsame Essen in der christlichen Glaubenstradition das Urbild von Gemeinschaft kann ebenso für tiefe Risse in einer Gemeinschaft sorgen. Denn die Esskultur trennt Völker, Kulturen und Kontinente. So kann man strenge Muslime daran erkennen, dass sie keinen Alkohol trinken, Hindus verweigern das Rindfleisch und ein frommer Jude zeigt seine Religion darin, dass er koscher isst und die Speisen getrennt aufbewahrt.
Aber woran erkennt man einen Christen? Ist es der Fisch am Freitag? Oder die fleisch- und alkoholfreie Fastenzeit? Es ist heute schwer, ein gemeinsames äußeres Zeichen in den Essgewohnheiten von Christen zu finden. Dabei verdanken viele Spezialitäten ihre Existenz der raffinierten Umgehung von Fastengeboten: Ravioli zum Beispiel sind Nudeln, in denen man während der Fastenzeit das Fleisch versteckt hat, damit es dem gestrengen Richter im Himmel verborgen bleibt.
Gegen solchen frommen Schwindel wetterte Martin Luther und befindet sich auch dort auf den Spuren des Apostels Paulus. Der hatte es mit Gemeinden zu tun, in denen die unterschiedlichen Esskulturen zu tiefen Verwerfungen geführt hatten. Die einen hatten am Tag ihrer Taufe alle Speiseverbote über den Haufen geworfen. Für sie bedeutet ein Christ zu sein die Freiheit von allen Zwängen. Es gibt die anderen, für die äußere Zeichen der religiösen Zugehörigkeit als Unterscheidungsmerkmal weiter wichtig sind. Denn Religion bedeutet für sie Sicherheit. Und Sicherheit entsteht durch Abgrenzung. Durch klare Markierungen und Kennzeichen, wer dazugehört und wer nicht.
Paulus fordert Rücksicht auf die Menschen in der Glaubensgemeinschaft, die Sicherheit brauchen. Sie benötigen Schutz, denn sie halten die Freiheit nicht aus, und strenge Regeln geben Schutz, so meinen sie. Man solle mit aller Gelassenheit in der Gemeinde Regeln halten, wenn sie denn einer braucht. Übers Essen auf jeden Fall, so Paulus, möge man sich als Allerletztes streiten. Diejenigen, die mit ihrem Glauben die Freiheit gewählt haben, sollen nun auch so frei sein zurückzustecken. Denn wirkliche Freiheit und Provokation schließen sich nach Paulus aus. Das ist in heutigen Zeiten keine ganz ungefährliche Empfehlung, denn das könnte heißen, dem religiösen Fundamentalismus Vorschub zu leisten und die Gesetzeshüter und Regelfanatiker in allen Religionen gewähren zu lassen. Aber Paulus nennt eben nicht nur die Rücksicht auf die Schwachen als Kriterium des Umgangs, sondern auch Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem Heiligen Geist und: "was zum Frieden dient". Und damit ist klar: Physische und psychische Ausübung von Gewalt gegenüber Glaubensgeschwistern ist in der christlichen Gemeinde zumindest ausgeschlossen. Doch in diesen Zeiten der globalen Vermischung sollte diese Regel auch zwischen den Religionen gelten.
Was für ein gutes Zeichen für ein friedliches Miteinander haben da vor einigen Wochen die Muslime in Frankreich gesetzt. Als zwei Journalisten im Irak gekidnappt wurden, um den französischen Staat zur Rücknahme des Kopftuchverbots an öffentlichen Schulen zu zwingen, sind sie zu Tausenden ihren religiösen Führern auf die Straße gefolgt, um gegen diese terroristischen Erpressermethoden zu protestieren. So wollten sich die Muslime in Frankreich nicht vertreten sehen. Denn kein Kopftuch der Welt ist ein Menschenleben wert oder: "Darum lasset uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander."

