20.10.2010
1. Sonntag im Advent
Und Jakob träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der Herr stand oben darauf und sprach: Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
1. Mose 28,12­-17

Ehrwürdige Stätten, sakrale Räume sind ebenso notwendig für das Leben wie heilige Zeiten. Als Kind fand ich es wunderbar, in weihrauchgeschwängerte Kirchen zu gehen und dort ganz leise aufzutreten. Heute ist mein Anspruch an sakrale Räume höher, die Liebe zur protestantischen Architektur gewachsen, aber das Leise, Ehrfurchtsvolle habe ich mir bewahrt. Es tut der Seele gut, aus dem Alltäglichen, Geschwätzigen zu entweichen.
Ich verstehe Menschen, die es nicht schön finden, wenn ihre Kirchen unaufgeräumte Allzweckräume sind, die von der Bauchtanzgruppe über den Jugendfaschingsball unter dem Motto "Die Aliens kommen" bis zum Gottesdienst alles beherbergen, was Kleinen und Großen an Aktivitäten ein- und gefällt. Gerade die so genannten distanzierten, mit dem Glauben sympathisierenden Zeitgenossen sind es, die über verhängte Kruzifixe ­ Sommerparty! ­ und weggeklappte Altäre ­ Diskussionsabend! ­ höchst befremdet sind. Wenn während des Abendmahls, weil der Wein zur Neige geht, die Korken in der Sakristei wie bei einem Saufgelage knallen und die Hostien am Altar aus demselben Grund für alle sichtbar aus großen Plastiktüten schüttender- und erschütternderweise ergänzt werden, tut das weh. So viel tatsächlich erlebte Stillosigkeit ist heillos, und: Wenn einem alles gleich gültig ist, dann wird es schnell gleichgültig. Kein Profil zu zeigen, auch kein spirituelles, bedeutet verwechselbar, gar banal zu werden.
Das, was geheiligt wird, was einem selber heilig ist, braucht nicht ausschließlich ein von anderen festgelegter Ort, ein bewährter Ritus oder eine bestimmte Kirchenjahreszeit zu sein ­ obwohl alles dies dem eigenen Wohl im Wortsinn dient. Mir gebieten darüber hinaus Räume Ehrfurcht, in denen ich intensive geistige Erfahrungen mache. Heilig sind mir Zeiten, die mich daran erinnern, dass ich wunderbarerweise munter am Leben bin. Als unantastbar empfinde ich Bilder, Worte, Geschichten, die Kopf, Herz und Seele angerührt haben. Auch Schlaf ist himmlisch-heilig, weil in ihm die Engel ­ von einem selbst ungestört ­ fidel und horizonterweiternd unterwegs sind.