Thies GundlachJens Schulze / epd-bild
20.10.2010
11. Sonntag nach Trinitatis
Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht.
Epheser 2,4­5

Diese ständigen Sitzungen zu finanziellen Kürzungsplänen und kirchlichen Zukunftsperspektiven, all die Konferenzen zu Regionalisierung und Zusammenlegung ­ sie sind eine Seuche! Es ist, als wäre der Protestantismus einem Fluch ausgesetzt, der sich niederschlägt als Sitzung mit den obligatorischen Kirchenkeksen. Natürlich, niemand weiß einen besseren Weg, um Entscheidungen zu treffen, und deshalb werden wir alle noch lange von diesen Keksen zehren. Aber darum ist umso wichtiger die Erinnerung daran, worum es eigentlich geht: "Mit Christus lebendig gemacht, allein aus Gottes reicher Barmherzigkeit", ein wunderschöner Gedanke aus dem Epheserbrief. Doch ahnen wir ihn noch in unserem Alltag? Sind wir noch lebendig, auferweckt in Gottes Barmherzigkeit?

Manchmal hören sich solche Sätze an wie ein Nachhall aus fernen Zeiten, ein Nachruf auf damals, als wir uns von Gott gerufen wussten, als sein Wort unser Herz umdrehte und in sein Licht tauchte. Damals, als sein Geist uns frei machte von all den kleinen Gedanken, als die Ängste genommen und die Probleme auf ihre Plätze verwiesen wurden von Gottes starker Stimme. Damals, als uns Bachs Musik auf die Schwingen einer Freiheit setzte und unsere Seele eintauchte in den Geist seiner Klarheit.

Damals ahnten wir noch nicht, dass Pfarrgärten ein eigenes Gesetz verdient haben. Muss man nicht als Geistliche/r heute zutiefst enttäuscht sein von den Aufgaben, die unserer Generation gestellt sind? Oder haben wir selbst Schuld, weil wir nicht loslassen können und nicht aufzubrechen vermögen, weil wir klammern und deshalb so lange unsere Geschichten auch in Gremien wiederholen, bis wir aus ihnen gelernt haben? Unser Ephesertext ist gute Medizin gegen alles Vertrocknen der Seele in Gremien: Gottes Barmherzigkeit macht uns lebendig in Christus, er hat uns einen Klang geschenkt, der zwar keine einzige Sitzung erspart, aber sie vielleicht doch erträglicher macht. Nämlich die Erinnerung an den Glanz des Glaubens, an die Freiheit des Gebetes, an den Tanz der Hoffnung, um die es letztlich doch in allem geht.

Wir dürfen doch gerade als "Professionelle" nicht diese eine Quelle vergessen, Gottes Barmherzigkeit, die lebendig macht und uns aus toten, sündigen Zusammenhängen herausruft. Sie ist unsere Mitte, sie verdient all unsere Konzentration, unseren Mut, unsere Zuversicht und all unsere Kraft. In der Mitte aller Bemühungen um die Zukunft der Kirche steht nämlich unsere Herkunft aus Gottes Glanz, aus einer Spiritualität, die die Seele berührt und das Herz aufrecht macht, die dem Geistlichen Raum gibt und darum auch die Geistlichen ehrt. Denn wir sollen geistlich sein, im Kern dürfen wir Seelsorgerinnen und Seelsorger fromm, fröhlich und frei sein. Ja, alles drei, sonst verschlucken wir uns auf Dauer an den vielen Kirchenkeksen!

Deswegen ist dies die eigentliche Aufgabe für diesen Sommer: der Seele Raum zu geben, dem Glauben Nahrung zuzuführen, der Sehnsucht Zeit zu schenken, wieder einmal beten in der Stille, wieder einmal danken mit ganzem Herzen, wieder einmal einkehren vor den Türen des Heiligen, wieder einmal dieses wunderbare Gedicht von Rainer Maria Rilke ins Herz lassen, das jüngst durch das "Rilke-Projekt" von Angelica Fleer und Richard Schönherz wieder bekannter wurde: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang?