Eine erfüllte Partnerschaft lebt von Offenheit. Von klaren Ansagen: "Das gefällt mir das gefällt mir nicht!" In diesem Sinne redet auch Gott zu seinem erwählten, geliebten Volk Klartext. Da könnte sich manch eingeschworenes Paar ein Scheibchen abschneiden, will es ihm am Ende nicht so ergehen wie den alt gewordenen Liebenden, die nach 50 Ehejahren feststellen müssen, Sonntag für Sonntag die ungeliebte Brötchenhälfte in der irrigen Annahme gegessen zu haben, der Partner bevorzuge die jeweils andere. Denn wer sich über seine Bedürfnisse ausschweigt, riskiert, dass sie unbefriedigt bleiben. Am Ende stehen Frust und Enttäuschung erkaltete Liebe statt heißer Leidenschaft.
Der liebende und eifersüchtige Gott Israels äußert seine Wünsche also unmissverständlich gegenüber seinem Volk. Und was er von ihm fordert, ist recht verstandenes Selbstbewusstsein, recht verstandener Stolz in Glaubensfragen. Er sagt: Bezieht euer Selbstbewusstsein nicht aus Weisheit, Vermögen und Besitz! Weisheit, Stärke und Reichtum sind schön und gut. Liebens- und begehrenswert seid ihr aber allein, weil ihr mich kennt und ich euch! Darauf könnt ihr stolz sein!
Heute scheint Glaube oft lediglich ein Privatvergnügen zu sein. Man praktiziert ihn still für sich oder auf klar abgestecktem Terrain in der eigenen Kirchengemeinde. Man trägt ihn nicht jubelnd vor sich her. Glaube und Stolz vertragen sich nicht in unserem Land. Viel eher scheint sich die Demut als christliche Tugend mit dem Glauben zu paaren.
Dass wir ein Bedürfnis nach Anerkennung haben oder danach, begehrenswert zu sein, ist aber allzu menschlich. Und das darf auch so sein. Nur speist es sich überwiegend aus anderen Quellen als ausgerechnet aus denen des Glaubens.
Was verschafft uns am meisten Anerkennung oder das Gefühl, begehrenswert zu sein? Man könnte eine Beliebtheitsskala der Mittel zur Selbstbestätigung aufstellen. Wahrscheinlich würden Glück und Erfolg ziemlich weit oben auf der Skala stehen, ebenso Wohlstand, Schönheit und Gesundheit. Weisheit würde anders als im biblischen Text vielleicht weiter unten auf der Beliebtheitsskala rangieren. Weisheit verbinden wir oft mit dem Alter, und wer ist schon gern alt? Der Weise begegnet uns wie der Zauberer Gandolf im "Herrn der Ringe" als gütiger Greis und weißhaarig wie der liebe Gott aus Kindertagen. Damit gewinnt man heute nicht den Kampf um Macht und Anerkennung. "Der Herr allein ist König ich eine welke Blum", schreibt der (heute) berühmte evangelische Lieddichter Paul Gerhardt (Evangelisches Gesangbuch 302, 8). Das schmeckt uns nicht: Schlimm genug, dass wir im Alter welken.
Rühmt euch ruhig!, antwortet der Gott Israels, der uns in Herrlichkeit geschaffen hat. Wandelt nicht in Sack und Asche durchs Leben! Geht aufrecht durch eure Tage, denn Gottes Liebe macht groß und nicht klein, nicht hochmütig, sondern großmütig! Ihn zu kennen und von ihm gekannt zu werden, füllt unser Leben mit der richtigen Mischung aus Demut und Stolz.

