04.11.2019

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wissen Sie noch, was Sie gemacht haben, als die Mauer fiel? Die Schauspielerin Nadja Uhl war 17, wohnte in Brandenburg und fuhr am Morgen des 10. November erst in die Schule - und dann mit dem Bus nach Westberlin. Ich war 21, studierte in Köln und erinnere mich sehr gut, wie ich mit Freunden den ganzen Tag um Radio und Fernsehen saß. Endlich passierte mal etwas wirklich Großes, Historisches in unserem Leben! Wie viel Mut die Menschen im Osten aufbringen mussten, dämmerte mir erst später.

Die evangelische Kirche hat viel dazu beigetragen, dass die Revolution friedlich blieb. Das wurde mir kürzlich im Gespräch mit dem früheren Magdeburger Bischof Axel Noack klar. Er war Pfarrer in Bitterfeld-Wolfen und lud 1989 zu Friedensgebeten ein. "Das Gebet hat vielen geholfen, sich zu trauen, etwas zu sagen. Sie traten mit zitternder Stimme nach vorne und sagten, was sie als Ärgernis im Land empfanden und was sich ändern sollte", erzählte er. Warum Christen so gern Kerzen anzünden und auch 1989 mit Kerzen auf die Straßen gingen, haben wir für Sie hier aufgeschrieben.

Für viele Menschen im Osten lief es nach 1990 nicht gut. Sie verloren ihre Arbeit, wer konnte, ging in den Westen, Dörfer verödeten.

Neue Mauern sind seitdem gewachsen, in den Köpfen, und auch ganz konkret: in Nordirland, zwischen Israelis und ­Palästinensern, an den Außengrenzen von EU und USA.

Was können Christen zu einer Welt ohne Mauern beitragen? Darüber will die EKD-Synode, das oberste Kirchenparlament, vom 10. bis 13. November in Dresden beraten. Eine gute Idee, findet Axel Noack und bringt eine Forderung nach Dresden mit: "Lasst uns wieder Friedensgruppen gründen". Die Synodalen haben eine Klimaforscherin eingeladen, die einen Vortrag über den Zusammenhang von Klimawandel und Konflikten halten soll, die Bürgermeisterin aus dem sächsischen Ostritz will berichten, wie sich ihre Gemeinde gegen Neonazis wehrt. Es wird aber auch darum gehen, wie Kirchengemeinden Konflikte beilegen können und wie man dem alltäglichen Hass im Netz begegnen kann.

Ich wünsche Ihnen eine friedliche Woche!

Claudia Keller