Liebe Leserin, lieber Leser,
vor einer Woche war ich mit einer Studiengruppe in Auschwitz. Ich war erstaunt, wie viele junge Menschen ich dort gesehen habe – nicht nur aus Polen, sondern aus unterschiedlichsten Nationen. Eines hat mich besonders beeindruckt: der Gesichtsausdruck dieser jungen Leute, die das erste Mal direkt mit dem tatsächlich stattgefundenen Grauen in Berührung kamen. Den meisten stand das Entsetzen, die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben, manche hatten Tränen in den Augen. Das Unbeschreibliche vor Augen geführt zu bekommen, das ist Aufklärung, das ist aktives Handeln gegen Vorurteile und Antisemitismus.
Antisemitismus hält wieder Einzug in unserer Gesellschaft. Wenn Schüler andere "Du Jude" nennen oder offen wieder vom "reichen Juden, der die Wirtschaft beherrscht" geredet wird, dann dürfen wir nicht weghören. Wenn Denken und Sprache verrohen, folgen irgendwann auch Taten wie der Gürtelangriff eines jungen Muslims auf einen Mann, der eine Kippa trägt oder gar der antisemitische Mordanschlag von Halle.
Antisemitismus darf keinen Platz in unserer demokratisch-aufgeklärten Gesellschaft haben. Man muss es beim Wort nennen: Antisemitismus ist purer Hass! Und der hat einen Brandbeschleuniger: das Internet. Hier gibt es zahlreiche, öffentlich zugängliche Blogs, rechte Portale, auf denen der Hass mit Vorurteilen, Verschwörungstheorien und Populismus bestärkt wird. Auch der Mörder von Halle tummelte sich auf solchen einschlägigen Seiten.
Was können wir dagegen tun? Eine Antwort ist: Portale wie Facebook müssen dem Medienrecht unterliegen. Dann nämlich können Plattformbetreiber bei Hasskommentaren gerichtlich belangt werden.
Eine weitere Antwort ist: Aufklärung. Besonders verdient macht sich in Deutschland ein Duisburger Verein, der mit jungen Muslimen nach Auschwitz fährt – lesen Sie hier das chrismon-Gespräch mit dem Leiter Burak Yilmaz. Übrigens: Für polnische Schüler ist der Besuch von Auschwitz verpflichtend. Dass dies für alle Menschen in Deutschland so sein sollte, ist die Meinung von chrismon-Redakteur Burkhard Weitz.
Je früher Aufklärung gegen Antisemitismus, Hass und Intoleranz geschieht, desto besser. Schon im Kindergarten sollte damit begonnen werden, fordert Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, in einem chrismon-Interview. Und: Es gibt immer noch einige wenige Zeitzeugen und Überlebende der Konzentrationslager, wie Halina Birenbaum, die in Auschwitz unserer Gruppe von ihrer Deportation erzählte – ein grauenhaftes Zeugnis, das niemanden ungerührt lassen kann. Oder Leon Weintraub, der noch immer Vorträge in Schulen hält – das können Sie in einer chrismon-Reportage von 2017 nachlesen. "Ich bin ein Sieger", sagt Weintraub in der Schule. "Denn ich habe ja überlebt." Und: "Ich habe das Wort ‚Hass‘ aus meinem Wortschatz gestrichen."
Dass der Hass verschwindet, das wünsche ich mir für Deutschland!
Andreas Fritzsche
Chef vom Dienst

