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Gestern habe ich den alten Schrank geöffnet, in dem ich persönliche und familiäre Dokumente aufbewahre. Beim Stöbern fiel mir eine Schachtel mit Briefen meines vor fast dreißig Jahren verstorbenen Vaters in die Hände. Der Staub auf dem Deckel verriet mir, dass ich schon lange nicht mehr reingeschaut hatte.
Die Handschrift meines Vaters würde ich unter Tausenden erkennen, im Gegensatz zu der meiner Mutter. Während meine Mutter ein wenig unordentlich, aber sehr nahe an der schulischen Norm schrieb - abgesehen von einem ausgefallenen "A" -, hatte mein Vater einen ganz eigenen Duktus entwickelt.
In der Schule hatte er noch "Sütterlin" gelernt. Diese Schreibschrift aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts hatten die Nazis durch eine deutsche Volksschrift zu ersetzen versucht. Seit dem Zweiten Weltkrieg wird auch an den deutschen Grundschulen die international übliche lateinische Ausgangsschrift gelehrt.
Papa hatte jedoch alles Eckige und Steile der Sütterlin abgeflacht und dynamisiert. Seine Schrift - und darauf war er stolz "floss". Für mich als gelerntem "Lateiner" war es schon zu seinen Lebzeiten nicht einfach, die Zeilen meines alten Herrn zu entziffern. Wie mag es wohl den armen Redakteurskollegen und Mitarbeitern gegangen sein, deren Texte er redigierte und mit Anmerkungen versah? Als ich nun die vergilbten und verblichenen Blätter aus der Schachtel nahm, fiel mir das Lesen von Vaters Worten und Sätzen genauso schwer wie früher.
Meine eigene Handschrift erfuhr von Beginn an wenig Wertschätzung. Ob Eltern oder Lehrerinnen - man war sich einig: Günstigstenfalls nannte man meine Version der Kulturtechnik "Krakeln". Bevorzugt belegte man sie mit den Begriffen "Geschmier" oder "Sauklaue". Ein mir eigentlich wohlgesinnter Oberstudienrat schrieb einmal einen roten Kommentar an den Rand meiner Arbeit, den ich nicht lesen konnte. Als ich ihm das Heft mit der Bitte entgegenhielt, mir seinen Text vorzulesen, brüllte er mich an: "Provokateur! Frecher Kerl! " Als er sich ein wenig beruhigt hatte, erfuhr ich, was er notiert hatte: "Deine Schrift ist schlimm! Eine Zumutung. Ergreife Du bloß keinen Beruf, in dem Schreiben eine Rolle spielt! "
Junger Mann, ihre Schrift zeugt von Persönlichkeit und Charakter!
Ich bin dem Rat nicht gefolgt. Als Journalist hatte ich aber das große Glück, in eine Zeit geraten zu sein, in der Manuskripte gar keine mehr waren. Zunächst sorgte meine "Monica" dafür, dass alles lesbar blieb. Die elegante, sogenannte "Reiseschreibmaschine" von Olympia aus Wilhelmshaven ist längst selbst Museumsstück. Heute tarnt elektronische Textverarbeitung meine handwerkliche Schwäche.
Die wenigen persönlichen Botschaften, die ich in meinem bisherigen Leben handgeschrieben versandte, hinterließen bei mir nach Posteinwurf mulmige Gefühle. So ging es mir auch mit einem langen Liebesbrief, den ich mich - so viel Formbewusstsein war übrig geblieben - nicht mit "Monica" anzufertigen getraut hatte. Dass die Empfängerin mich erhörte (und mich schließlich sogar heiratete), war ein Zeichen von Milde und Großmut.
Ich habe schon seit Jahren keine Stellenanzeige mehr gesehen, in der ein handschriftlicher Lebenslauf gefordert worden wäre. Der SMS-Notebook-Generation wäre so etwas nur als Schikane zu vermitteln. So, als würde man dazu auffordern, zum Bewerbungsgespräch in Berlin zu Fuß aus München anzureisen. Dass ich trotz der damals üblichen graphologischen Gutachten mehrfach gute Jobs bekam, hatte meinen Vater sehr überrascht. Heute weiß man aus mehreren wissenschaftlichen Studien, dass die Schriftpsychologie einen ähnlichen Erkenntniswert besitzt wie Astrologie und Eingeweideschau. Der Verleger in Stuttgart, den ich nach erfolgreichem Vertragsgespräch fragte, ob ihm meine Handschrift nicht als Hindernis erschienen sei, erwies sich als Freund dieser Methode. "Im Gegenteil, junger Mann", sagte er, "Ihre Schrift zeugt von Persönlichkeit und Charakter." Als ich meinem Vater stolz den Vertrag mit der Unterschrift des Chefs zeigte, meinte er nur knapp: "Ein Krakelbruder. Ihr seid überall! " So ist es.

