Johannes Kühn liest vor seinem Haus im saarländischen Hasborn
Martin Oberhauser
Friedensgedicht
Poesie für den Frieden
Was soll man eigentlich noch denken und empfinden – angesichts der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten? Gibt es politische, diplomatische oder militärische Strategien? Und gibt es noch etwas anderes: eine andere Sprache, ein anderer Blick, damit wir über den Alltag der Gewalt hinausdenken können? Vor kurzem bin ich auf ein Gedicht gestoßen, das mir dabei geholfen hat
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
17.05.2024
2Min

Wenn es nur um Meinungen ginge, würde ich sagen, dass eindeutig mehr dafür getan werden müsste, um die Ukraine dauerhaft vor dem Vernichtungswillen von Putins Russland zu beschützen. 

Weniger eindeutig wäre meine Meinung zum Israel-Palästina-Konflikt: Hier müsste das Existenzrecht Israels ebenso geschützt werden wie die palästinensische Zivilbevölkerung. Nur wie soll das gehen? Doch jenseits solcher Meinungen suche ich nach etwas anderem, nach Worten nämlich, die in mir die Sehnsucht nach Frieden wecken und lebendig halten: ein sprachliches und gedankliches Jenseits des politischen Pro und Contra, der Kommentare und Parolen.

Zum Glück lese ich gerade in einem Band mit Gedichten von Johannes Kühn (1934-2023). 

Er war einer der stillsten und wunderbarsten deutschen Dichter der vergangenen Jahrzehnte. Aufgewachsen in armen Verhältnissen, seit Jugend an mit einer psychischen Krankheit geschlagen, konnte er keinen Beruf lernen und ausüben, keine Familie gründen, sein Heimatdorf im Saarland nie verlassen. Aber er vermochte es, viele unvergleichliche Gedichte zu schreiben, insgesamt fast 20.000 Stück. Ein tragisches Wunder.

In einem seiner Gedichte besingt Kühn den Frieden. Dazu nimmt er das alte, biblische Bild vom Regenbogen. Wir erinnern uns: Nach der Sintflut schließt Gott mit der Menschheit einen Friedensvertrag. Als Zeichen dafür, dass er die Schöpfung nicht wieder zerstören will, setzt er einen Regenbogen über die Erde. Dieses Bild nimmt Kühn auf und vollendet es. Denn, worüber ich bisher nie nachgedacht hatte, ein Regenbogen ist ja immer nur eine halbe Sache, ein Halbkreis eben. Kühn vervollständigt ihn nun zu einem ganzen Rad und lässt ihn über die Erde rollen, um sie zu verwandeln.

 

Aus Bergen

in die Berge wieder ab

fährt der Bogen brückengleich

seine Friedensfarben, halbes Rad.

Sinn es ganz,

daß es fahre

seine Stille über Land!

Friede sei die Achse

fest in seiner Mitte!

Gesang wünsch ich zu

vieler Vögel!

Eines Habichts Flügelrauschen

sei der Fahrt Geräusch!

Beselige die Streitenden,

daß sich verändre

in Lächeln

Zornblick,

Wutmund.

Mordhand ändre sich zur Säerhand

auf braune Furchen streuend

Friedenskörner, daß heraufwächst Zeit

aus Segensweizen.

Schöne Verse sind dies, schön und machtlos, aber gerade in ihrer Machtlosigkeit lebensnotwendig. Denn sie eröffnen einen Blick über die Gewalt hinaus, einen Jenseitsblick, der eine Ahnung von Frieden schenkt und ein Bewusstsein dafür, dass es nichts Wichtigeres gibt. Es dürfte kein Zufall sein, dass dieses Gedicht in einem fernen Abseits entstanden ist, geschrieben/erträumt von einem sehr leisen Lyriker, der auf seine Weise ein Prophet oder ein Pfingstbote gewesen ist.

P.S.: Langsam wird sie endlich entdeckt – als eine bedeutende Autorin, Glaubensdenkerin und Chronistin eines Menschheitsverbrechens: Etty Hillesum. Nun hat Burkhard Reinartz ihr eine beeindruckende und berührende Radiosendung gewidmet. In 2½ Stunden erzählt er vom Leben und Leiden der niederländischen Jüdin unter der mörderischen deutschen Besatzung sowie von ihrem religiösen – man kann es nicht anders sagen – Genie.

P.P.S.: "Papier, Stift, Kaffee und Zigarren", eine Dokumentation über Johannes Kühn in der ARD-Mediathek.

 Der Kulturbeutel macht eine Woche Ferien und erscheint wieder am Freitag, den 31. Mai. 

Kolumne