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Besuch kommt, ein Freund der Familie. Man begrüßt einander, nimmt am Küchentisch Platz und übersieht, dass da unter dem Tisch ein kleines Menschenkind hockt, zunächst versunken ins eigene Spiel, dann aber gespannt lauschend. Oben, zwischen den Erwachsenen, wird eines der "Geheimnisse" verhandelt, die wahrscheinlich jede Familie hat und von denen selten gewollt wird, dass sie in die Öffentlichkeit dringen. Mir ist das so gegangen, als ich gerade drei oder vier Jahre alt war. Ich hatte Mühe zu verstehen und zu verkraften, was sich da den Weg in meinen kleinen Kopf bahnte und meine Mutter war außer sich, als ich auf einmal auftauchte und Fragen stellte. Sie antwortete, so gut es ging. Ein paar Jahre später wäre es für mich kein Problem gewesen, Irrungen und Wirrungen der elterlichen Lebensgeschichte anzuhören. Aber im Kindergartenalter war ich damit überfordert.
Ein Kind muss erfahren, was zu seiner eigenen Lebensgeschichte gehört
Ob es um schwere Erkrankungen geht, um eine anstehende Trennung, um Arbeitslosigkeit oder Erbstreitigkeiten - man sollte sich genau überlegen, was und wie viel man seinen Kindern sagt. Ein Kind muss erfahren, was zu seiner eigenen Lebensgeschichte gehört. Es hat ein Recht auf dieses Wissen. Es kommt aber darauf an, wie und wann es ein Problem oder einen Konflikt vermittelt bekommt. Muss das Kind beispielsweise gleich erfahren, wenn Mutter oder Vater arbeitslos geworden sind? Oder genügt es zunächst, deutlich zu machen, dass äußerste Sparsamkeit angezeigt ist ohne Töchter und Söhne gleich mit Untergangsvisionen zu belasten.
Bitter ist es für ein Kind, in familiäre Auseinandersetzungen hineingezogen oder gar zur Parteinahme gedrängt zu werden: Der heiß geliebte Onkel wird vom Vater wegen seines Lebensstils heruntergemacht; die verständnisvolle Großmutter, die immer Zeit für einen hat, gilt als nicht ganz zurechnungsfähig. Es ist brutal, Kinder ständig mit eigenen Problemen zu konfrontieren und damit die positiven und glücklichen Erfahrungen und Erlebnisse der Kinder zu überschatten. Erst relativ spät, im 16. und 17. Jahrhundert, haben Erwachsene begriffen, dass die Kleinen anders sind, dass sie Probleme anders auffassen und verarbeiten als Erwachsene. Es ist also sinnvoll, Kindern manche "Geheimnisse" über Sexualität, Gewalt, Krankheit, Tod erst einmal vorzuenthalten, statt ihnen die Kindheit unwiederbringlich zu nehmen.
Wenn ein Kind Albträume hat, nicht recht schlafen und essen kann, zu schweigen beginnt, sich anders benimmt als gewohnt, dann ist es höchste Zeit nachzuforschen, was seine kleine Seele beschwert und ob man durch sein Gerede dazu beigetragen hat. Sätze wie "Mit dir kann man ja schon richtig erwachsen reden" wecken den Verdacht, dass hier jemand zarte Schultern mit einer großen Last zu zerbrechen droht.
Umgekehrt ist es für Kinder kaum auszuhalten, wenn sie spüren, dass etwas in der Luft liegt, aber niemand mit ihnen darüber spricht: über den Selbstmord eines Freundes etwa, eine psychische Erkrankung in der Familie oder den Despotismus des Großvaters. Sie leiden unter dem anhaltenden Schweigen der Eltern und, noch schlimmer, beziehen die Sorgenfalten und das Getuschel auf sich. Wenn es an der nötigen Offenheit fehlt, fühlen Kinder sich schuldig daran, dass die Atmosphäre so dunkel und schwer ist.
Verheerend ist es, wenn Kinder viel zu spät oder von dritter Seite wichtige familiäre Dinge erfahren. Das kann ihr Vertrauen in die Eltern gefährden oder ganz zerstören. Wenn der Vater zwar ein wahrer Vater, nicht aber der "Erzeuger" ist, wenn durch den frühen Tod eines Geschwisters ein Schatten auf der Familie liegt, dann müssen das Kinder von ihren Eltern erfahren, von niemandem sonst. Solche Mitteilungen bedürfen einer tragfähigen Beziehung. Sie sind nichts, was man so nebenbei hört, manchmal gar begleitet von dem bösen Hintergedanken, dieses Kind "mal richtig aufzuklären über seine Familie". Kindern steht es zu, von ihren Eltern als Gegenüber geachtet, mit ihren Bedürfnissen nach Wissen und nach Schutz ihrer verletzlichen Seelen respektiert zu werden.
Ein Patentrezept dafür, wann man Kindern was sagt, gibt es nicht
Ein Patentrezept dafür, wann man Kindern was sagt, gibt es nicht. Aber es gibt Orientierungshilfen. Wer seinen Kindern Problematisches mitteilen möchte, sollte sich zuvor gründlich überprüfen: Missbrauche ich mein Kind als Klagemauer für Dinge, mit denen ich selber nicht fertig werde und die ich besser mit einer Seelsorgerin oder einem Therapeuten bespreche? Eltern, die lieber schweigen, könnten sich fragen: Wen schone ich mit meinem Stillhalten: mein Kind oder doch eher mich selbst? Will ich mir nur aus Bequemlichkeit mögliche Unannehmlichkeiten ersparen, wenn ich nichts sage? Hier ist Einfühlungsvermögen gefragt und die Fähigkeit, genau hinzuschauen, wie es dem eigenen Kind geht.
Bei allem eigenen Kummer über die Vergangenheit oder den Schlamassel, in dem man gegenwärtig steckt, bei allen offenen Zukunftsfragen: Niemand darf Kinder zu besorgten kleinen Erwachsenen machen. Sie, die eine wahre Gottesgabe sind, brauchen eine Wahrheit, die man ihnen so liebevoll hinhält, dass sie, wie der Schriftsteller Max Frisch sagt, "hineinschlüpfen" können.

