Wie gut, dass wir Nachbarn haben!
Denn in der Krise merken wir, wie wichtig Nähe ist. Auch zu Menschen, die uns nicht direkt nahestehen
Irmgard SchwaetzerJulia Baumgart
29.04.2020

Vorgelesen: Auf ein Wort "Wie gut, dass wir Nachbarn haben!"

Diesen Text schreibe ich Ende März. Täglich verschärft sich die Krise, alles ändert sich rasend schnell. Einige Veränderungen, über die wir staunen, und manches, was uns beunruhigt, lässt sich wohl nicht mehr zurückdrehen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Wir werden lernen, damit zu leben.

Irmgard SchwaetzerJulia Baumgart

Irmgard Schwaetzer

Irmgard Schwaetzer, Bundesministerin a. D., war von November 2013 bis Mai 2021 Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Heraus­geberin des Magazins chrismon.

Zum Beispiel mit der Einsicht, wie vorläufig alle unsere ­Erkenntnisse und Annahmen sind. Viele haben dieses Jahr 2020 begonnen mit einem Gefühl der Kontinuität und der Sicherheit, dass sich schon nichts Weltstürzendes ändern wird. Doch wir werden aus dem Jahr hinausgehen als veränderte Gesellschaft. Wir haben uns im vergangenen Jahr immer wieder gefragt, was diese Gesellschaft überhaupt noch zusammen­hält. Jetzt stellen wir fest, dass uns die Nähe fehlt, auch zu Menschen, die uns nicht direkt nahestehen. "Kein ­Kontakt mehr, zwei Meter Abstand – das ist wirklich ­gruselig und anstrengend", sagte ein Passant auf die Frage eines ­Reporters. So empfinden derzeit wohl viele, und ich hoffe sehr, dass uns diese Erschütterung und die Pflicht zum Abstandhalten näher zusammenführen werden. Die Hoffnung ist ja auch begründet: Viele Nachbarn helfen einander – und viele stellen fest, dass ihnen das Helfen selbst auch guttut. Wir könnten uns als Gemeinschaft neu definieren: als gute Nachbarn.

Durch die Corona-Krise macht unsere Gesellschaft außerdem einen Riesensprung in die Digitalisierung. ­Dadurch wird vieles in unserem Leben einfacher werden: Videokonferenzen zum Beispiel können vielen Sitzungsteilnehmern stundenlange Reisen ersparen – auch wenn sie die persönliche Begegnung nicht dauerhaft ersetzen. Es scherzt sich einfach leichter, es fühlt sich vertrauter an, wenn wir uns direkt gegenübersitzen. Und das brauchen wir auch. 

In der Medizin ist die Krise der Wendepunkt

Als die Gottesdienste abgesagt werden mussten, waren viele Kirchgänger zunächst erschrocken. Gerade in der Krise müssen die Kirchen doch da sein für die Menschen, ihnen Zuversicht und Trost zusprechen! Für mich zählt es zu den guten Erfahrungen dieser Krise, wie schnell und kreativ einzelne Pfarrerinnen und Pfarrer reagierten. Sie haben ihre Sonntagsgottesdienste umgestaltet und ­strea­men sie, so dass man sie zu Hause miterleben kann. Zu Beginn waren die Übertragungen noch etwas ­wackelig, aber auch durch das Improvisierte haben mich diese Gottesdienste sehr berührt: die direkte An­sprache, das gemeinsame Beten, einfache liturgische ­Formen, die fantasievolle Musik von Gitarre über Quer­flöte bis zu ­Chören und Orgel. Schauen Sie doch mal unter  ­chrismon.de/kirchezuhause nach. Da finden Sie Angebote für den jeweiligen Sonntag und die aktuelle Woche. Auch die Chat- und Online-Seelsorge erweist sich nun als Segen. Die Telefonseelsorge natürlich auch. Alles gab es schon vor Corona und wird nun sehr nachgefragt.

Ich wünsche mir, dass zumindest einige der neuen ­digitalen Angebote nach der Krise bestehen bleiben. ­Davon könnten auch all jene profitieren, die wegen familiärer Verpflichtungen zu Hause bleiben müssen oder krank sind. Vielleicht geht es ja auch Ihnen gerade nicht so gut, und der Zuspruch einer Seelsorgerin wäre willkommen?

Der Begriff Krise bezeichnet in der Medizin den ­Wendepunkt im Krankheitsverlauf. Durch die Krise sind auch wir als Kirche gezwungen, darüber nachzudenken, welche kirchlichen Aktivitäten und Themen wirklich ­relevant sind. Diese Frage sollte uns auch dann leiten, wenn wieder das normale Leben beginnt. Bleiben Sie behütet!

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