Hans Scherhaufer/epd-bild
20.10.2010

Keine Sorge: Religionsunterricht gibt es weiterhin ­ so sagen die einen. Religion hat an öffentlichen Schulen letztlich nichts zu suchen ­ sagen die anderen. Der Streit um den "Werteunterricht" an Berlins Schulen ist voll entbrannt, die SPD/PDS-Koalition will dieses Fach ohne Wenn und Aber durchsetzen.

Der Streit um den "Werteunterricht"

In Berlin herrschen anormale Verhältnisse: Religionsunterricht ist kein ordentliches Unterrichtsfach, sondern ein Angebot der Kirche an der Schule. Nur an wenigen Schulen wird Ethikunterricht angeboten ­ erfolgreich übrigens. Für den islamischen Religionsunterricht wiederum hat man die denkbar schlechteste Variante gewählt: einen Unterricht der Islamischen Föderation ohne klare Qualitätsstandards.

Schon lange musste etwas geschehen. So schlugen die Kirchen einen Wahlpflichtbereich vor. Religion und Ethik als gleichberechtigte Fächer; Kooperation zwischen ihnen bei bestimmten Themen: So sollte das neue "Berliner Modell" aussehen. Stattdessen hagelte es nun Parteibeschlüsse über ein staatliches Einheitsfach in Werteerziehung ohne Abmeldemöglichkeit. Dort soll auch "Religion für alle" unterrichtet werden; wer außerdem einen konfessionsbestimmten Religionsunterricht besuchen wolle, könne das ja tun, heißt es.

Doch hinter diesem Plan stecken weiterreichende Absichten. Der Berliner PDS-Chef Stefan Liebich gab sein wirkliches Ziel kürzlich zu erkennen: "Wir müssen uns fragen, ob das Grundgesetz, in dem steht, Religion ist ein ordentliches Lehrfach, noch zeitgemäß ist." Und eine Parteikollegin von ihm erklärte gar, es gehe darum, das Verhältnis der Schülerinnen und Schüler zu ihrer Herkunftsreligion zu "relativieren".

Einstweilen greife das neue Modell erst vom siebten Schuljahr an, so wird versichert. Anders der Vorsitzende der Berliner SPD, Michael Müller: Er erklärte unzweideutig, über kurz oder lang werde das Berliner Einheitsfach auch auf die Grundschule ausgedehnt, die in Berlin die Klassenstufen 1 bis 6 umfasst. Aus der Not der religiösen Orientierungslosigkeit der Jugendlichen wird so ein staatliches Volksbeglückungsprojekt.

Der Staat verfügt nicht über Antworten auf die Frage, was gut ist

Ein Berliner Schüler hat in kirchlichen Medien starke Gründe gegen das Einheitsfach "Werteunterricht" vorgebracht. Er verweist die Berliner Politiker auf die dem liberalen Staat gesetzten Grenzen: Der Staat verfügt nicht über Antworten auf die Frage, was gut ist. Es fällt ihm schon schwer genug die Frage zu beantworten, was gerecht ist. Er ist deshalb gut beraten, seine Grenzen anzuerkennen und so die Freiheit seiner Bürgerinnen und Bürger zu achten. Aber er ist darauf angewiesen, dass diese Bürgerinnen und Bürger die Frage nach dem Guten stellen. Um sie zu beantworten, brauchen sie alle erreichbaren Quellen, auch die der Religion. Der Philosoph Jürgen Habermas hat das unlängst so formuliert: "Ich glaube, dass der liberale Staat schon aus eigenem Interesse behutsam mit allen Ressourcen umgehen sollte, aus denen sich die moralische Sensibilität seiner Bürger speist."

Berlin plant einen anderen Weg: ein staatliches Einheitsfach statt eines behutsamen Umgangs mit solchen Quellen. Dagegen hat sich eine breite Protestbewegung entwickelt. Bundeskanzler Schröder und Wolfgang Schäuble halten solche Pläne ebenso für falsch wie Angela Merkel, Johannes Rau und Wolfgang Thierse. Ein Kulturkampf ist das vielleicht nicht. Aber es ist ein Kampf um Kultur. Wolfgang Huber

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