Wie gehen wir mit den Themen Sterben und Tod um? Indem wir alles „im Griff“, „unter Kontrolle“ haben?
Foto: Tillmann Franzen
15.08.2014

Es ist eine herausfordernde Formulierung: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Diese Bitte stammt aus Psalm 90, einem Gebet, das sich an den Herrn über Leben und  Sterben richtet. Wollen wir das – Klugheit gewinnen, indem wir die Einsicht zu­lassen: Unser Leben und unser Wirken hier auf dieser Erde sind begrenzt und ­vergänglich? Eine Klugheit, die unsere Selbstherrlichkeit infrage stellt?

Klug zu sein, wie es der Psalmbeter versteht, zielt nicht darauf, nur auf sich selbst zu vertrauen und alles selbst „im Griff“ oder „unter Kontrolle“ zu haben. Vielmehr ist für ihn unverzichtbar, einen realistischen Blick auf die eigene Vergänglichkeit zu gewinnen und sich Gott de­mütig und vertrauensvoll zuzuwenden. Es ist eine Klugheit, die uns Menschen gut tut.

Dass jedes menschliche Leben auf seinen Tod zugeht, ist naturgegeben. Aber es geht um mehr als um diese Tatsache, nämlich darum, die eigene Sterblichkeit mit zu bedenken, wenn es ganz grundsätzlich um unsere Lebensziele geht, um den Umgang mit unseren Mitmenschen, um unser Vertrauen zu Gott.

Eine gängige Haltung beim Thema ­Sterben ist: Wir setzen uns mit ihm aus­einander, wenn es soweit ist – bei ­Menschen, die uns nahe sind oder wenn wir selbst ans Sterben kommen. Dann erst nehmen wir uns die Zeit dazu. Als Pastor habe ich bei der Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen oft die Erfahrung gemacht: Der akute Anlass kann Menschen dann schnell überfordern. Die Nähe des Todes kann dazu führen, dass Denken und Fühlen panik­artig erstarren. Vertrauen und Nähe herzustellen wird dann sehr schwer oder ganz unmöglich.

"Das vergängliche irdische ­Leben wird eingebettet in die Ewigkeit Gottes"

Es ist schon gut und klug, Tod und ­Sterben beizeiten zu bedenken, vor Gott und mit Menschen, die uns wichtig und ­nahe sind. Um diese letzte Phase des ­Lebens auch wirklich gestalten zu können – und nicht irgendwie nur hinnehmen zu müssen.

Wer bedenkt, dass er sterben muss, wie es der Psalmbeter tut, wird sich bewusst, wie kostbar Lebenszeit ist. Wir lernen, den Wert des Lebens auf dieser Erde zu erkennen und zu schätzen. Ich denke mich selbst in Beziehung zu anderen Menschen und nicht als einsame Insel.

Ich versuche, Beziehungen so zu ge­stal­ten, dass sie von Verstehen und Liebe geprägt sind. Das heißt auch, die zerstörerischen Gefühle und Gedanken des Neides, des Hasses oder der Verachtung gegenüber anderen bekämpfen oder zumin­dest im Zaum halten. Es bedeutet, in der uns zugemessenen Lebenszeit sorgsam mit uns selbst und anderen umzugehen, die Zeit dankbar auszukosten. Und dabei, mein menschliches, von Gott gesetztes Maß akzeptieren und dankbar gegenüber dem Schöpfer und verantwortlich gegenüber meinen Mitgeschöpfen mein Leben führen.

Um diese Klugheit bittet der Psalm­beter. Mit seiner Bitte um göttliche Be­lehrung relativiert er den Wert unserer Selbstbestimmung und Selbstbeherrschung. Unser vergängliches irdisches ­Leben wird voller Vertrauen eingebettet in die Ewigkeit Gottes.

Wichtigstes Lernziel all unseres Be­denkens nämlich ist, Gott als die unvergängliche Zuflucht in unserer Vergänglichkeit wahrzunehmen. „Herr, du bist unsere Zuflucht für und für“ – diese einleitende Gewissheit des 90. Psalm (in der Bibel wird er als „ein Gebet des Mose, des Mannes Gottes“ bezeichnet) lässt uns auch angesichts des Todes hoffnungsvoll leben.

Und das ist klug.