Thies GundlachJens Schulze / epd-bild
20.10.2010
Miserikordias Domini
So spricht Gott der Herr: "Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? ( . . . ) Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen."
Hesekiel 34,2.11

Dass Hirten sich häufig selbst weiden ist eine zeitlose Erfahrung: In den Wochen, in denen ich diese Zeilen schreibe, geistert gerade Schiedsrichter Hoyzer durch die Schlagzeilen, begleitet zur Rechten von Aufregungen um den Deutsche-Bank-Chef Ackermann, der das Weiden seiner Schafe offenbar als Vertreibung hinter den Zaun der Arbeitsplatzbesitzer missversteht, und zur Linken von dem Grünenpolitiker Ludger Volmer, der sein Amt ausweidet als Beförderung von Nebenverdiensten.

Natürlich sind diese Namen und Geschichten immer auch "mediale Aufregungswellen", die durchs Dorf getrieben werden. Nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr sind es wieder andere "Hirten", die sich selbst statt der anvertrauten Schafe zu weiden scheinen. Und dabei ist es durchaus möglich, dass solche selbstweidenden Hirten auch aus dem Raum der Kirche stammen!

Gerade dieser Gedanke erinnert daran, dass es nicht um Anklage, Vorwurf und Verurteilen geht, sondern um Vertrauenswürdigkeit. Die Hirten Israels hatten damals ­ zur Zeit Hesekiels ­ ihr Vertrauen verspielt, und eben dies droht mitunter auch heute. Aber der Prophet Hesekiel nennt das letztlich wohl einzige Gegenmittel gegen diesen Vertrauensverlust, wenn er schreibt: "Siehe, ich (Gott) will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen." Gott wird selbst zum Hirten, es gibt keine Ober- oder Unterhirten mehr, auch keine Abteilungshirten, keine blökenden Genehmigungsvorbehalte oder weidetechnischen Zwischeninstanzen, sondern einen direkten Draht Gottes zu seinen Schafen. Gottes Nähe entmachtet die Hirten. Dadurch aber stärkt er auch das Gegenstück zum "Schafskopf-Dasein", nämlich die Eigenverantwortung der Schafe. Gottes Zuwendung zum einzelnen Schaf unter Ausschluss des geistlichen Instanzenweges hat eine unmittelbare Verantwortlichkeit des Einzelnen vor Gott zur Folge. Hesekiel individualisiert die Hirtenzuständigkeit, er verlegt die Leitungsverantwortung in das Herz eines jeden.

In der Sache ist damit schon bei Hesekiel die urreformatorische Erkenntnis angelegt, dass es eben keine Außensteuerung im Blick auf die Glaubwürdigkeit eines Menschen gibt, sondern nur eine Innensteuerung, eine Gewissenssteuerung. Der Einzelne steht Gott unmittelbar gegenüber. Und eben dies entmachtet die vielen Zwischenhirten und Bezirksweidehelfer, aber es stärkt die Verantwortlichkeit des Einzelnen. Dies im Sport, in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kirche selbst immer zu erinnern, das ist bis heute die ethische Aufgabe unserer Verkündigung. Sie soll nicht selbst Hirte spielen wollen, sondern dem Einzelnen ins Gewissen reden, wie Gott unser Hirte ist, besonders denen, die Verantwortung tragen, aber auch allen anderen und vor allem uns selbst.

Hinter der Kirche stehen darum auch keine Aufsichtsbataillone, keine richterlichen Machtmittel, keine Durchsetzungsarmee oder Hirtenfortbildungsprogramme, sondern allein die "Autorität des bittenden Christus" (Eberhard Jüngel), der Gott dem Gewissen des Einzelnen nahe zu bringen versucht, damit die Verantwortlichkeit reifen und die Vertrauenswürdigkeit wachsen kann. Und ich glaube schon, dass damit nicht nur dem Einzelnen, sondern letztlich auch dem Sport, der Wirtschaft, der Politik und der Kirche am meisten geholfen wird.