"Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen" hieß es Anfang der achtziger Jahre, und für einen ordentlichen Studenten der evangelischen Theologie war dies das Grundcredo der damaligen Zeit. Aber dieses kompromisslose Nein war politisch falsch. Ob Europa ein Jahr 1989 erlebt hätte, wenn alle Schmidts und Kohls damals auf uns gehört hätten? Seither bin ich außerordentlich skeptisch geworden gegenüber allem "Nein ohne jedes Ja", denn die Situationen, in denen diese Eindeutigkeit, Kompromiss- und Umkehrlosigkeit angebracht sind, sind äußerst selten. Als Lobredner auf alle Nein-Sager mit dem gelegentlichen Ja kenne ich mittlerweile drei verschiedene Arten des Nein-Sagens:
1. Da ist zuerst das pubertäre Nein, das bekanntlich in allen Altersklassen vorkommt. Hinweise wie "Räumst du bitte dein Zimmer auf!" oder "Schreibst du bitte die Bedanke-mich-Karten!" lösen reflexartig ein Nein aus. Das Nein will Abgrenzung, Autonomie und schwächelnde Autorität der Eltern demonstrieren, aber in der Regel nicht das Zimmer unaufgeräumt lassen oder die Großmutter mit ausbleibenden Karten kränken. Es gehört zur pädagogischen Kunst des Alltags, dieses pubertäre Nein nicht zu ernst zu nehmen, sondern das im Hintergrund längst vorhandene Ja zu fördern durch jene Mischung aus Charme, Klarheit und Motivation, die pubertäre Jugendliche ohne Machtkampf oder Gesichtsverlust respektieren können.
2. Das zweite Nein ist eigentlich ein Ja. Ein im Nein verborgenes Ja, eine Zustimmung im Gewande der Zurückweisung. Die Frage: "Willst du nicht auch mal auf einem Pferd sitzen?", löst bei Kindern oft ein entsetztes Nein aus, in dem die Mischung aus Neugier und Angst als Hintergrundstrahlung das eigentlich gemeinte Ja signalisieren. Der erste Kuss, die erste allein zu gestaltende öffentliche Rede, die erstmalige Nutzung eines besonderen Autos und viele andere Situationen lassen diese Gattung des Nein-Sagens weit verbreitet sein. Und auch hier empfiehlt sich Ermutigung und Zutrauen als bessere Medizin gegen das Nein als wiederholte Erwartung und gestrenge Forderung.
3. Die dritte Gestalt des Neins mit gelegentlichem Ja ist die theologische Form des Neins. Dieses Nein ist ernst gemeint, es bleibt streng und steif bei sich selbst, wenn es denn nicht auf ein ganz anderes Ja stößt, das weder verfügbar noch einklagbar ist, sondern sich allein aus gutem Geist und Gnaden einstellt. Es lebt von einem fremden Ja zur Veränderung, zur Umkehr, zur Buße, von einem Ja, welches das Gewissen berührt, das schroffe Nein auflockert und flüssig macht. Leider leben wir in einer Welt, die eine solche Wende oft für eine Schwäche hält und die sogenannten Steherqualitäten besonders hoch schätzt. Aber hinter vielen vermeintlich konsequenten Stehern verstecken sich oft geistige Enge und mangelnde Einsichtsfähigkeit.
Der erste Sohn in unserer biblischen Geschichte bei Matthäus vollzieht diese überraschende Kehrtwende vom Nein zum Ja. Warum er das tut, bleibt offen. Aber diese Umkehr im Herzen, diese vollzogene Wende im Geiste gehören zu den eindrücklichsten Fähigkeiten eines Menschen, der sich durch geistige Einsicht, durch vernünftige Argumente oder durch die ehrliche Bilanz der Folgen seines Tuns verändert. Unser Gott, der solche Wendungen mit seinem unumstößlichen Ja zum Menschen eröffnet hat, segnet solche Umkehr mit einer neuen Nähe zu seinem Reich.

