Johanna HabererPrivat
20.10.2010
Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr
Der Storch am Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Frist ihrer Rückkehr ein; mein Volk aber kennt nicht die Rechtsordnung des Herrn.
Jeremia 8,7

Es ist doch alles in bester Ordnung mit uns, hatten die Menschen in Israel geträllert: "Gott ist mit uns, und deshalb kann uns nichts passieren. Wir stehen auf der richtigen Seite." In all dem Wohlgefühl fiel es nicht weiter auf, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher wurden und dass Politiker das Gemeinwesen als Selbstbedienungsladen missbrauchten. Es fiel nicht besonders auf, dass man von Gott redete, als wäre er ein zahnloser alter Mann, ein Erbonkel, den es galt, bei guter Laune zu halten. Es fiel gar nicht auf, dass die Gespräche immer oberflächlicher, die Phrasen immer hohler und die Menschen immer gottvergessener wurden. Es war schwer in diesen Zeiten, Prophet zu sein.

Kaum ein Prophet hatte es so schwer, wie Jeremia. Im Auftrag Gottes sollte er Lebenslügen entlarven. Doch er redete auf taube Ohren ein, er lief gegen Wände. Er wurde angefeindet, verfolgt und verjagt. Am Ende verliert sich seine Existenz im Dunkeln. Dabei war er nur fest davon überzeugt, die Menschen könnten sich auf Gottes Gebote verlassen wie die Vögel auf ihre innere Uhr und ihre innere Landkarte. Und die Richtschnur zum gelungenen Zusammenleben sei nicht die gute Laune, sondern das eingehaltene Recht.