Thies GundlachJens Schulze / epd-bild
20.10.2010
10. Sonntag nach Trinitatis
Wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Johannes 4,22-24

Von Israel hat das Christentum beten gelernt. Kein Auftakt im Gottesdienst ohne Israels Psalm, kein Schlussteil ohne Israels aaronitischen Segen. "Das Heil kommt von den Juden", dazu kann man theologisch sehr viel sagen, aber eins ist in jedem Fall wahr: Wir Christen haben vom ersten Tag an Gott anzubeten gelernt im Geiste Israels, in der Sprache Israels, in den Bildern Israels. Aber wie steht es dann mit dem Gebet nicht nur im Geist, sondern auch in der Wahrheit? Wie sagen wir unsere evangelische Wahrheit, ohne einerseits in den Verdacht eines unaufgeklärten Antijudaismus zu geraten, ohne aber andererseits auf die eigene Identität auch Israel und dem Judentum gegenüber ganz zu verzichten?
Es ist am Israelsonntag, den wir traditionell am 10. Trinitatissonntag begehen, schwer, als Prediger den rechten Ton zu treffen. Wer versucht, spezifisch christliche Identität zu formulieren, gilt als unsensibel gegenüber Israel. Wer aber Israel in besonderer Weise zu würdigen versucht, scheint das Judentum zum besseren Christentum machen zu wollen. Auch hier ­ wie so oft an sensiblen Stellen ­ kann nur die Wahrheit uns frei machen und das heißt: Wir sollen die Väter und Mütter Israels achten und ehren, gerade indem wir sie nicht für uns beanspruchen. Wahren Respekt bekunden wir nämlich damit, dass wir unsere Unterschiedlichkeit zum Zuge kommen lassen und Israel nicht für unsere Zwecke vereinnahmen.
Israel darf Israel bleiben. Das ist in meinen Augen Gebet im Geist und in der Wahrheit. Israel muss nicht ­ sei es durch Abgrenzung oder durch Übereinstimmung ­ die Identität des evangelischen Glaubens sichern helfen. Das wusste schon der Apostel Paulus. Er haderte sehr damit, dass seine israelitischen Brüder und Schwestern nicht an Jesus Christus glaubten. Schließlich aber tröstete sich der Apostel, dass nicht er oder wir als seine Nachfolger Kirche und Israel am Ende der Zeiten vereinen werden, sondern dass Gott selbst es tun wird. Paulus seufzt: "Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!" (Römer 11, 33) Und dazu sage ich auch heute noch: Ja und Amen.