Es ist ein harter Text, ein Gerichtswort. Es sagt genau das, was sich keiner von uns gerne sagen lässt: nämlich dass Gott sich zurückzieht, dass er den Weinberg sich selbst überlässt und dass er die schutzlose Einsamkeit des Weinbergs als Folge des beharrlichen Früchteverweigerns billigend in Kauf nimmt.
Gott überlässt den Weinberg sich selbst Liebesentzug und Schweigen sind seine Strafe (Jesaja 5,56). Das wirkt fast wie ein Fall von schwarzer Pädagogik, die in der Geschichte der Kindererziehung und der Beziehungskultur viele Generationen malträtiert und zerbrochen hat. Heute wissen wir längst, dass Liebesentzug die härteste Strafe ist, die man Menschen zufügen kann.
Warum sollte Gott solch eine harte Haltung einnehmen? Wenden wir uns wiederum an die Bibel. Sie ist zwar durchweg Zeugnis der Offenbarung Gottes. Dennoch wird Gott in der Bibel nicht nur erfahren, sondern ebenso oft vermisst. Er wird nicht nur gewusst, sondern mindestens so oft ersehnt. Oftmals entdeckt man gerade in dieser Sehnsuchtshaltung eine Gegenwart Gottes, die auf den ersten Blick gar nicht zu vermuten war. So auch hier: Unseren Jesajatext durchzieht eine merkwürdige Spannung: Er, der Freund, legte den Weinberg an, "er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hob eine Kelter darin aus" (Jesaja 5,2). Dann heißt es: Ich "entferne seine schützende Hecke; so wird (der Weinberg) zur Weide. Seine Mauer reiße ich ein; dann wird er zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen... (und) ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden" (Jesaja 5,6).
Wie ist das zu verstehen? Es scheint, als seien derjenige, der den Weinberg angelegt hat, und derjenige, der ihn niederreißt, zwei verschiedene Personen: Er und ich. Es scheint, als wolle nicht der Besitzer den Weinberg zertrampeln, sondern ein anderer. Nur: Wer ist Gärtner, wer ist der Bestrafende? Und wenn nicht Gott, wer droht dann mit der Strafe, dem Liebesentzug?
Im Neuen Testament, in der Geschichte vom unfruchtbaren Feigenbaum im Lukasevangelium (Kapitel 13,69) ist in ähnlicher Weise ein Zweipersonenstück. Ein Besitzer will einen Feigenbaum, der keine Früchte trägt, abhauen lassen; doch der Weinberggärtner bittet: "Herr, lass ihm noch dies Jahr!" Auch hier bleibt offen, welche Dimensionen die Figuren symbolisieren. Ist Gott der Gärtner, der noch ein Jahr erbittet, oder ist Gott der Besitzer, der auf die Bitte noch ein Jahr gewährt? Sollte Gott der Gärtner sein, stellt sich die Frage nach dem Besitzer, der das Abholzen fordert. Ist der Prophet gemeint, so wäre der strenger als Gott selbst. Dann würde das Lied vom Weinberg nicht von Gottes Strafe handeln, sondern von der Drohung eines Menschen.
Man könnte sich den Dialog zwischen Weinbergbesitzer und dem Sänger des Weinbergliedes (dem "Ich"), den Dialog zwischen dem Feigenbaumgärtner und dem -besitzer auch wie einen ewigen Dialog vorstellen. Einen Dialog, der jedes Jahr neu geführt wird, weil sich jedes Jahr ein Mangel an Früchten feststellen lässt. Das wäre doch eine spannende Vorstellung frei nach Albert Camus' "Mythos von Sisyphos": Gott wäre dann ein glücklicher Gott, der immer wieder umgräbt, auch wenn er keine Früchte findet! Der jedes Jahr wieder sagt: "Lass ihm noch dies Jahr!"

