Fulbert Steffensky, Theologe am Vierwaldstättersee in Luzern fotografiert.Sophie Stieger
20.10.2010
Christfest, 1. Feiertag, Tag der Geburt des Herrn
Sie fanden Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.
Lukas 2,16

Er äußert sich all seiner G'walt, / wird niedrig und gering / und nimmt an eines Knechts Gestalt, / der Schöpfer aller Ding. (Evangelisches Gesangbuch, Nummer 27, Strophe 3)

Die Götter, die wir uns selber ausdenken, haben all das, was uns fehlt: Unsere Kargheit machen wir zu ihrem Reichtum, unsere Wunden zu ihrer Unversehrtheit. Unsere Niederlagen machen wir zu ihren Siegen. Dieser kleine König im Stall von Bethlehem ist der große Einspruch gegen unsere Gottesbilder des ungetrübten Glanzes und der ungebrochenen Macht. Das Wort Gott ist in der Geschichte der Menschheit ein verschlüsselter Text, man kann ihn auf viele Weise auslegen. Das Kind in der Krippe ist die Lesart, die uns bindet: Gott ist unkenntlich geworden südlich von Jerusalem, versteckt im kleinen König, geboren im Stall. Er meldet sich nicht unter dem Namen der Macht und des blendenden Glücks. Der Unverwundbare hat den Wall seiner Burg geschleift. Hungrig nach der Nähe der Menschen ist er auf ihre Straßen gegangen und an ihre Zäune. Er duckt sich am Feuer mit den halbwilden Hirten, er zecht mit den Armen. In der Nacht schläft er bei ihnen, den Kopf auf einem Stein. Dieses Kind in Bethlehem ist das Fleisch gewordene Bilderverbot.

Und dieses Kind ist die neue Kenntlichkeit Gottes. Gott ist kenntlich geworden im kleinen König, geboren im Stall. Sein Name ist Habenichts, Flüchtling, Todgeweihter. Ein geheimnisvoller Gott, der die Tränen nicht trocknet, die seine Armen weinen; der die Wunden nicht heilt, die das Leben schlägt. Ein geheimnisvoller Gott, der nicht weicht aus dem Hunger der Brotlosen, aus der Qual der Gefolterten und den das Leben aufs Kreuz legt wie andere auch. Sein Grundname ist Emmanuel, der Gott mit uns. Schön ist dieser Gott, der sich nicht in sich selbst verkrallt; der nicht geizig sein eigenes Glück bewacht, sondern ausströmt in die Welt der Kälte.

Aber reicht das alles? Stirbt keiner mehr, nachdem dieser Messias da ist? Wird keiner mehr erniedrigt und angespien? Werden den Armen die Schulden erlassen? Sprechen die Verstummten und springen die Lahmen schon wie ein Hirsch? Es ist der alte jüdische Einwand, wenn wir die Geburt dieses Sohnes feiern. Es ist die widerborstige Frage der Hoffnung, die nicht eher zufrieden ist, bis die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet, bis alle Tränen getrocknet sind. Glauben heißt mit Widersprüchen leben können. Wir beharren auf einem Widerspruch: Ja, Gott hat sein wahres Gesicht gezeigt in diesem Sohn; ja, das Morgenlicht ist angebrochen; ja, es ist der Tag, den Gott gemacht hat; ja, die Tür ist aufgeschlossen zum schönen Paradies. Wir sprechen das große Ja mit der Stimme der Tradition, der Lieder und der Bibel. Denn dieses Ja überfordert den Glauben eines Einzelnen. Das Nein des Widerspruchs kann man mit der eigenen Stimme sprechen; man kann es am Zustand dieser Erde ablesen: Noch immer verhungern Kinder; noch immer werden die Fremden erschlagen. Und so muss noch kommen, der gekommen ist. So muss noch siegen, der gesiegt hat. So muss noch erscheinen, was schon ist.

Aber wir sind nicht die ewig Wartenden, die ewig Ausschau Haltenden, die ewig Morgigen. Wir haben nicht nur Zukunft, wir haben eine Vergangenheit. Wir haben einen guten Anfang, die wir kommen aus jener Nacht und aus der Freude jener Nachricht der Engel: Er ist da, er ist geboren, die Rose ist aufgeblüht, die die Schönheit der Welt bedeutet.