Fulbert Steffensky, Theologe am Vierwaldstättersee in Luzern fotografiert.Sophie Stieger
20.10.2010
9. Sonntag nach Trinitatis
Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg. In seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.
Matthäus 13,44

Meine Großmutter lebte in einem großen alten Haus, in dem der Familienüberlieferung nach Blücher während der napoleonischen Kriege übernachtet haben soll. Aus jener Zeit soll im Keller des Hauses ein Schatz vergraben liegen. Das Haus brannte gegen Ende des letzten Krieges aus. Wir Kinder hatten die Geschichte vom vergrabenen Schatz, und wir suchten wochenlang und gruben den Boden metertief um. Allerdings waren wir weniger glücklich als der Kaufmann des Evangeliums. Wir fanden nichts.

Wieso fängt jener Mensch die Suche an? Wieso hat er die Vermutung, dass irgendwo etwas Kostbares zu finden und auszugraben sei? Vielleicht hatte er eine Geschichte von vergrabenen Schätzen. Man muss Geschichten kennen, die von geheimen Schätzen erzählen, um auf die Suche zu gehen. Ohne Geschichten von Perlen und Schätzen und Kaufleuten, die etwas gefunden haben, gibt es keine Vermutungen. Man hält alle Äcker für gleich wert oder unwert. Wer nichts vermutet, findet nichts. Christen könnten mit den Geschichten, die sie sich erzählen, Menschen mit gebildeten Vermutungen sein: Es gibt etwas zu suchen. Es gibt etwas, wofür man seine ganzen Lebenskräfte und Lebensmittel aufwenden könnte, um es zu finden. Diese charmante Geschichte von dem verrückten Menschen, der alles auf eine Karte setzte, arbeitet an unserem Schatzgräberinstinkt, wie viele andere Erzählungen des Evangeliums auch.

In der zweiten Geschichte von der Suche und dem großen Finden (Matthäus 13,45­46) ist der Sucher ein Kaufmann. Er findet die Perle, und auch er verkauft alles, was er hat, für die Perle. Der Kaufmann handelt nicht kaufmännisch. Hätte er seinen Investitionsberater gefragt, hätte der ihm gesagt: Man setzt nicht alles auf eine Karte! Ein gewisses Risiko kann man eingehen. Aber einen Teil des Geldes sollte man doch in festverzinslichen Wertpapieren anlegen. Man muss an das Alter denken, an die Schwankungen im Perlengeschäft, an die Ausbildung der Kinder und an ein gewisses Konsumvolumen! Man will ja leben! Aber der Kaufmann verkauft alles, was er hat, und er findet und gewinnt die Perle.

Es sind Leichtsinnsgeschichten, die da erzählt werden, Geschichten eines jungen und frischen Geistes. Ein Mensch in seiner senilen Ausgewogenheit (es gibt sie nicht nur unter den Alten!) wird keinen Schatz vermuten. Und wenn doch, wird er nicht auf die Idee kommen, alles dafür zu verkaufen. Was mache ich nun mit diesen Geschichten von den beiden Leichtfüßen? Wir Christen ziehen zuerst die Moral aus ihnen. Nicht dass wir die Moral unser Handeln leiten lassen. Aber wir ziehen sie schon einmal, und sie bereitet uns den Luxus eines schlechten Gewissens. Könnte es sein, dass diese umweglose Moral gerade unser Handeln vereitelt? Zwischen einer Geschichte und ihrer Moral sollte es ein Mittelglied geben. Das ist die Lust, jene Geschichten schön zu finden. Man müsste diese Kaufleute mit ihrem falschen Berufsverhalten schön finden. Man müsste ihre Keckheit, ihren Mut und ihre größere Fülle charmant finden. Man müsste sie heiraten wollen wegen ihres Lebensreichtums. Nur wer die Güte schön findet, wird zu ihrer Verbündeten. Habe ich nun das Schönfinden zur neuen Moral gemacht? Ich armer Mensch, wer wird mich befreien vom Zwang der puren Moralen!